Phytotherapie in der Dermatologie: Allergien selten, Potential gross
Die Anwendung von Arzneipflanzen in der Dermatologie wäre an sich ein weites Gebiet mit beachtlichem Potential. Die guten Erfahrungen korrelieren jedoch nicht unbedingt mit vorhandenen klinischen Daten und umgekehrt lassen vor allem ältere klinische Studien bessere Resultate erwarten, als sie dann in der Praxis erzielt werden.
Diese Bilanz konnten mehr als vierzig Teilnehmende am von Beatrix Falch geplanten und organisierten Kurs 9 in Wädenswil ziehen. Für den Praktiker gab es auf jeden Fall zahlreiche Anregungen wie zum Teil auch schwierige Fälle behandelt werden könnten. Christoph Schempp aus Freiburg im Breisgau ist einer der wenigen Kliniker, die die Neugier aufbringen, um mit pflanzlichen Arzneimitteln zu arbeiten. Er konnte aus seiner Erfahrung schöpfen und auch andere Referierende mit seinen Erfahrungen unterstützen. Interessant waren seine Ausführungen zu einem auf Hyperforin basierenden, lipophilen Johanniskrautextrakt (nur in Deutschland erhältlich) zur Behandlung der subakuten Neurodermitis. Vielversprechend ist auch glycyrrhetinsäurereicher Süssholzextrakt zur Behandlung des atopischen Ekzems. Eine neue Entwicklung bahnt sich mit dem Betulin an. Dieser Naturstoff kann hochprozentig direkt aus dem weissen Birkenkork gewonnen und mit Öl und Wasser zu einem Oleogel verarbeitet werden. Dieser bewährt sich bei der Behandlung von Wunden: Die Ausreifung primärer Keratinozyten wird gefördert.
Mit Erwin Häringer war ein „Methusalem“ der modernen Phytotherapie bei der SMGP zu Gast. Er schöpfte aus seinem Fundus an Erfahrungen, indem er die Anwendung der ätherischen Öle in einen grösseren Zusammenhang stellte. So betonte er die olfaktorischen Kompenenten: „Der Patient muss das eingesetzte Öl gern riechen. Mit dem Geruch kann zum inneren Gleichgewicht beigetragen werden.“ Doch das ist nur die eine Ebene: Viele Bestandteile der ätherischen Öle penetrieren im Gegensatz zu den meisten anderen Substanzen durch die intakte Haut. Da sie entsprechend schnell auch wieder ausgeschieden werden, besteht keine Kumulationsgefahr. In seiner Dokumentation finden sich zahlreiche Rezepte. Eines der wichtigsten Öle in seiner Empfehlung ist das Lavendelöl („der Geruch beruhigt bei Kindern allenfalls auch die Mutter“) zur Qualität des Öles kann auf die Unterlagen von Kurs 7 zurückgegriffen werden. In der Komplementärmedizin wird sehr oft ein Zusammenhang zwischen Hauterkrankungen und der Leber geschaffen. Lüder Jachens beleuchtete diesen Ansatz aus anthroposophischer Sicht und wies gleich darauf hin, dass es eine Kunst ist, diesen Zusammenhang zu erkennen. Dabei kann sowohl eine Leber-Über- als auch eine Leberunterfunktion den Ausschlag geben: „Die Leber erscheint als ein Organ, das vornehmlich durch andere Organe, so insbesondere die Haut, auf ihren Heilbedarf aufmerksam macht.“ Jachens begründete, wieso aus anthroposophischer Sicht Erdbeerblätter und Weinlaub in der wichtigsten anthroposophischen Kombination zusammen gefunden haben und empfahl dies Kombination als Grundtherapie.
Wird von Pflanzen gesprochen, so ist der Diskussionsstoff gegeben. Sowohl Christoph Schempp als auch SMGP-Mitglied Thomas Schweri, letzterer nach Aufarbeitung der Literatur der letzten zehn Jahre, berichteten darüber, dass das Sensibilisierungspotential von Arzneipflanzen früher auf Grund von Einzelfällen und dramatischen Berichten in Büchern übergewichtet worden ist. Selbst Arnica gilt heute nurmehr als schwach sensibilisierend. In der „Hitliste“ der Kontaktallergene tauchen zwar unter den ersten zwanzig Substanzen Naturstoffe auf als arzneipflanzenzugehörig zu bezeichnen ist jedoch nur der Compositenmix. In diesem stecken jedoch bekannt allergene Substanzen, die in Kamille und Arnika gesicherter Qualität nicht vorhanden sind. In der Diskussion wurde erkannt, dass durch die Fortschritte im kontrollierten Anbau aber auch dank erweiterten Kenntnissen bei der Auswahl von Hilfsstoffen für pflanzliche Zubereitungen vermutlich die allergische Inzidenz der Produkte deutlich gesenkt werden konnte und die Angst davor unbegründet ist.
Bernhard Uehleke beschäftigte sich mit dem Nachtkerzenöl und erläuterte die topische wie auch die orale Anwendung. Klinische Daten und Erfahrung deuten darauf hin, dass es eine Gruppe von Atopikern gibt, die auf das Nachtkerzenöl ansprechen. Herauszufinden, welche Personen das sind, bleibt vorläufig noch Kunst der Ärztin respektive des Arztes, da noch kein physiologischer Marker gefunden wurde, der das Rätsel entschlüsseln könnte. Bei Hamamelis ist noch nicht entschieden, ob die gerbstoffhaltigen Extraktzubereitungen (z.B. gemäss Schweizer Pharmakopöe) dem wässrigen Destillat als Wirkstoff überlegen sind: Auf Grund der bekannten Wirksamkeit der Polyphenole besteht diese Hypothese. Beatrix Falch betonte, dass bei entzündeter und trockener Haut das Vehikel für die Wirksamkeit (nicht nur) von Hamamelis-Zubereitungen eine wichtige Rolle spielt. Kein Zweifel besteht an der Wirkung von aus Eichenrinde zubereiteten Bädern bei Entzündungen und viralen Infekten: Sie wurde von mehreren Referierenden erwähnt. Die SL-Zubereitung aus Salbei und Rhabarberwurzelextrakten erweist sich in der Praxis als vergleichbar erfolgreich wie synthetische Arzneimittel bei der Behandlung von Fieberbläschen. René Meyrat unterstrich dabei, dass für die pflanzlichen Zubreitungen insbesondere Salbei neben der antiviralen Wirkung eine wundheilende Wirkung postuliert wird. Blieb zum Schluss noch die Ringelblume: Olga Chudovska resümierte aufgrund ihrer Recherche, dass Calendula-Zubereitungen bei trockenen Hautkrankheiten auch zur Prävention erfolgreich eingesetzt werden.
Kurs 10 findet am 29. Oktober statt: Zum Thema Phytotherapie im komplementär-medizinischen Umfeld werden wieder spannende Referate und Diskussionen erwartet. Anmeldungen sind jederzeit möglich.
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| Erwin Häringer - Aromatherapie |
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| Christoph Schempp: Grundlagen, Forschung, Klinik |
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| Lüder Jachens: Haut und Leber | SMGP-Mitglied Thomas Schweri: Sensibilisierungs- und Allergiepotential von Arzneipflanzen wurde überschätzt. |
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| Bernhard Ueleke: Nachtkerzenöl und Fettsäuren | Beatrix Falch: Hamameliswasser oder Hamamelisextrakt? |
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| René Meyrat: Viren können viele Schäden verursachen | Olga Chudovska: Ringelblume |