24. Jahrestagung für Phytotherapie:
Prophylaxe, Training, Erholung, Adaption: Stichworte zum Thema Sport und Phytotherapie
Die 24. Jahrestagung für Phytotherapie wurde in Baden zum bisher grössten Erfolg in der Geschichte dieser Veranstaltung: Mit fast 300 Anmeldungen wurden alle bisherigen Rekorde gebrochen und mit einem Workshop für Pferdesport gab es eine Premiere. Doch auch das Thema war erst- und einmalig.
Mit dem Thema wurde nämlich Neuland beschritten. Der Sport zog zahlreiche Interessierte auch ausserhalb der Gesellschaft an. Die Referierenden hielten, was sich die Teilnehmenden auf Grund der Ankündigung versprochen haben. Auf einem der Auswertungsbogen war zu lesen: „Die beste Tagung die es bis jetzt gegeben hat“.
Was machte die Begeisterung aus? Die Referierenden sprachen mit Engagement über ihre Erfahrungen und spielten mit dem Spannungsfeld der Wissenschaft und der Erfahrung. In den ersten beiden Referaten ging es um die Verhinderung von Infektionskrankheiten. Beide Referenten, sowohl Dr Thomas Weber aus Berlin, er musste kurzfristig für Prof Schmidt-Trucksäss aus Basel einspringen, als auch Dr Christian Schlegel, Chief Medical Officer des Schweizerichen Olympiateams von Vancouver, wiesen darauf hin, dass die Spitzensportler vor allem nach intensiven und harten Trainings mit einer Reduktion ihres Schutzes vor Infekten rechnen müssen. Ausgerechnet da lauern dann in Duschräumen, an Handtüchern und infolge Durchzug die Gefahren. Sie gaben zahlreiche Tipps mit auf den Weg, wie sie die Athleten anhalten, sich zu schützen. Viele der Verhaltensmassnahmen sind derzeit wegen der akuten Grippeprophylaxe in aller Munde. Aus dem deutschen Schwimmsport und vom Triathlon wurden Daten gezeigt, die einer Zubereitung aus Pelargonium sidoides eine prophylaktische Wirkung bestätigen. Dr. Schlegel berichtete wie ein aus verschiedensten Fachleuten zusammengestelltes Task-force-Team für die Schweizer Wintersportler eine Strategie zum Schutz vor Erkältungskrankheiten zusammen gestellt hat. Antibiotica werden nach Möglichkeit vermieden, da diese bei Spitzensportlern oft mit Nebenwirkungen verbunden sind und auf die Leistung drücken. Auf Basis vorhandener Unterlagen wurde zusammen mit einer Schweizer Firma eine Kombination von Zubereitungen aus Echinacea purpurea (Sonnenhut) und den Früchten von Sambucus nigra (schwarzer Holunder) kreiiert und von den AthletInnen gut akzeptiert.
Später stellte sich heraus, dass sich auch die 15-fache-OL-Weltmeisterin Simone Niggli-Luder mit Echinacea wie viele im Raum bei den ersten auftauchenden Symptomen zu schützen versucht. Sie berichtete aus ihrer langen Karriere und wies darauf hin, dass für sie Gesundheit nicht nur die Abwesenheit von Krankheit ist, sondern dass auch Umfeld, Betreuung und Vertrauen für sie wesentlich dazu gehören. Ihr Konzept basiert auf den drei Säulen Training, Erholung und Energiebereitstellung. Für Ausdauersportarten wie Orientierungslauf, in denen der Leistungszenith erst etwa mit einem Alter von dreissig Jahren zu erwarten ist, erachtet sie es als wichtig, dass der Trainingsaufwand sukzessive gesteigert wird: „Es ist falsch, wenn 20-jährige schon so viel trainieren, dass eine Steigerung nicht mehr möglich ist.“ Mit einer jährlichen Haaranalyse versucht sie herauszufinden, ob ihre Versorgung mit Mikronährstoffen genügend ist. Ihren persönlichen Erfahrungen standen zahlreiche, von Professor Günther Siegel aus Berlin präsentierte, experimentelle und mit aufwändigen Methoden erfasste Daten zur Anwendung von Gingko biloba gegenüber. Alle weisen darauf hin, dass die für Ginkgo biloba beanspruchte Durchblutungsförderung durch Reduktion der Plaque, geringeren Widerstand der Gefässe und Eindämmung der Radikale eben auch tatsächlich eintreffen. Noch fehlen dazu eingehende Untersuchungen bezüglich Einfluss auf die sportliche Leistungsfähigkeit die über Einzelberichte hinausgehen. Nach wie vor ist der Begriff des Adaptogens in der Medizin nur halbwegs akzeptiert, obwohl wie Alberto Vignutelli aus Lugano darlegte diese Medizin die Symptome von Stress und deren Auswirkung auf den Körper gut kennt. Adaptogene können den Stresspunkt nach hinten verschieben oder dafür sorgen, dass er gar nicht erreicht wird. Die Kaskade der potentiellen Wirksamkeit eines Extraktes aus den unterirdischen Teilen von Panax ginseng wurde zuletzt mit neusten Verfahren erweitert. Steigerung der Gedächtnisleistung und des Sauerstoffes im Blut waren schon länger Zeit bekannt. Bei der immer bekannter werdenden Rhodiola rosea ist die Lage gemäss der aktuellen Forschung umgekehrt: Mit pharmakologischen Testsystemen tastet sich die Wissenschaft an die möglichen Wirkungen heran und die sind erst vereinzelt durch klinische Studien bestätigt. Es ist davon auszugehen, dass in absehbarer Zeit Produkte aus Rhodiola rosea dei Therapie mit Adaptogenen erweitern. Die Adaptogene sind weitgehend eine Spezialität der Pflanzen, da wohl nur Vielstoffgemische die breite Wirksamkeit erzielen können. Der Vorteil von Rhodiola rosea scheint, dass auch mentaler Stress abgebaut werden kann.
Ein weiterer thematischer Schwerpunkt waren die muskulären Probleme. Bei Prellungen, Zerrungen und Verstauchungen werden die Wallwurz (Symphitum officinale) und Arnika (Arnica montana) schon seit langem verwendet. Die Erfahrung konnte mit klinischen Studien bestätigt werden. Objektive Kriterien sind dabei schwierig zu erfassen, zumal normalerweise die Patienten nicht in der akuten Phase, wenn die Schwellungen am stärksten sind, zum Arzt kommen. Im Vergleich zu Diclofenac schnitt die bestdokumentierte Wallwurz-Zubereitung überlegen ab. Auch bei Spielverletzungen von Kindern liegen Daten vor bei guter Wirksamkeit und primär Verträglichkeit. Die zahlreichen Daten präsentierte Tankred Wegener, der selbst in der Planung und Durchführung klinischer Studien mit pflanzlichen Arzneimitteln engagiert ist und viel Erfahrung in deren Auswertung und Interpretation mitbrachte.
Schnelle Reaktionen sind vom Chiropraktor respektive medizinischen Betreuer bei Zwischenfällen im Wettkampf gefragt. Urs Zahner aus Schaffhausen zeigte einige Beispiele und führte die Präparate auf, mit denen gearbeitet werden kann. Es sind neben Kältesprays vorwiegend pflanzlicher Arzneimittel, etwa Capsicum-Pflaster aber auch wärmende und kühlende Gels. Obwohl auf entgegengesetzten Effekten basierend haben beide Behandlungen das Ziel die Schmerzen zu reduzieren. Generell ist es wichtig, dass sich Spielerinnen und Spieler betreut fühlen. Kältebehandlungen sind nur kurzfristig wirksam, die Gefahr der „Kälteverbrennungen“ wird überschätzt, sofern diese fachgerecht durchgeführt werden. Studien gibt es kaum, doch die physiologischen Argumente und die Erfahrungen überzeugen.
Was ist Doping? Dieser Frage musste sich Nadja Mahler stellen, wurde doch gefragt, ob Ginseng nicht ein Dopingmittel sei. Im Vordergrund steht die Gesundheitsgefährdung durch die Wirkstoffe. Und da schneiden die vorher behandelten Adaptogene gut ab. Lange Zeit waren z.B. mit Steroiden verunreinigte Nahrungsergänzungsmittel ein Problem. Zuletzt sorgten Todesfälle junger Sportler in den Vereinigten Staaten bei extremen Leistungen z.B. bei grosser Hitze für Aufregung: Sie hatten die in der Traditionellen Chinesischen Medizin auch hierzulande wieder aufkommende Droge Ephedrae herba eingenommen. In den USA wurde diese mittlerweile verboten mit Synephrin aus den Schalen einiger Zitrusfrüchte war rasch ein Ersatz bereit gestellt. Anders als Ephedrin ist Synephrin noch nicht auf der Dopingliste, die Substanz wird allerdings beobachtet.
Mit dem phytotherapeutischen Leitfaden (siehe Abstract) gab Simon Feldhaus den teilnehmenden letzte Tipps zur Medikation mit pflanzlichen Arzneimitteln auf den Weg. „Pflanzliche Arzneimittel werden zwar bei den Sportlern gut akzeptiert, wenn sie Kenntnis davon haben, doch Informationen darüber sind nicht sehr verbreitet“ meinte Simone Niggli und gab damit den Phytotherapeuten einen Hinweis, wo sie den Hebel anzusetzen haben. Das gleiche gilt bei der Ärzteschaft die Tagung hat da hoffentlich Lücken geschlossen und wird es mit Hilfe der nun zu publizierenden Bericht weiter tun.