Phytotherapie attraktiv und aktuell: Erkältungskrankheiten
Volles Haus in Wädenswil: Der Kurs „Phytotherapie bei Erkrankungen der Atemwege“ stiess auf grosses Interesse, sodass sich mehr als vierzig interessierte Teilnehmer in Wädenswil einfanden. Das Thema war höchst aktuell, begleiteten doch Erkältungskrankheiten diesen Winter die Medizinalpersonen regelmässig. Die Welle schien gerade in den Tagen um den Kurs noch einmal einen Höhepunkt zu erreichen.
Erkältungskrankheiten sind ein Schwerpunktgebiet der Phytotherapie und entsprechend vielfältig waren die präsentierten Möglichkeiten zur Behandlung verschiedener Erkrankungen. Verschiedentlich betont wurde der zu hohe und nicht-evidentbasierte Gebrauch von Antibiotika bei viralen Infekten pflanzliche Arzneimittel sind da erstklassige Substitute. Liana Gerber, als Absolventin der SMGP-Fortbildung besuchte sie den letzten Kurs in ihrer Serie, konnte berichten wie sie ohne Paracetamol und ähnliche Substanzen ihre vielen erkälteten Patienten durch die Wintersaison führte: Mit dem Einsatz der in der SL aufgelisteten pflanzlichen Arzneimittel. Die Tagung machte deutlich, dass diese heute besser und moderner dokumentiert sind als viele, landläufige synthetische Arzneimittel.
So konnte Roland Schoop anhand neuster Forschungsdaten aufzeigen, dass die Anwendung von Echinacea purpurea (Frischdroge, Auszug aus Kraut und Wurzeln mit Alkohol/Wasser) auf drei Beinen steht, nämlich der antiviralen, der entzündungshemmenden und der antibakteriellen Aktivität. Neuste Forschung lässt zumindest für diese Zubereitung den immunmodulierenden Effekt in den Hintergrund rücken. Gegenüber Tamiflu überzeugt das Vielstoffgemisch des pflanzlichen Arzneimittels vorläufig im in-vitro-Test mit H7N7- sowie H5N1-Viren der nie beobachteten Resistenzbildung der Viren. Drei Metaanalysen geben ein positives Urteil.
Pelargonium sidoides ist eine Heilpflanze, die nicht der europäischen Phytotherapie entspringt sondern aus Afrika nach Europa gekommen ist. Die Zubereitungen werden bei Infekten der oberen und unteren Atemwege eingesetzt. In der Schweiz zugelassen ist die Anwendung bei akuter und chronischer Bronchitis. Etliche Studien zeigen, dass die durchschnittliche Verkürzung der Krankheitsdauer 2-2,5 Tage beträgt, was auch volkswirtschaftlich gesehen durchaus relevant ist. Die Daten wurden von Thomas Weber vorgestellt. Die Frage nach allfälligen Nebenwirkungen ausgelöst von den in der Pflanze vorhandenen Coumarinen konnte dahin gehend beantwortet werden, dass die natürlichen Coumarine von der Struktur der als Antikoagulantien verwendeten synthetischen Stoffe abweichen und so nicht an die sehr selektiven Rezeptoren andocken.
Hinter der Anwendung von Saponindrogen wie sie in Form von Primelwurzeln im Species pectorales der Schweizer Pharmakopoe vorkommen steckt die Ratio der Saponine, die dank ihren amphiphilen Eigenschaften schleimlösend und schleimhautbefeuchtend wirken. So können Saponindrogen gegen Reizungen und zur Schleimverflüssigung eingesetzt werden. Das war die Botschaft von Beat Meier. Mittlerweile gibt es für die Saponine in Efeu, insbesondere für alpha-Hederin auch einen pharmakologischen Ansatz. In den Blättern liegt vorwiegend Hederaglykosid C mit zwei Zuckerketten vor. Ein Enzym um eine der beiden Zuckerketten abzuspalten ist - auch in der getrockneten Droge, wenn diese extrahiert und die Kompartimentierung aufgehoben wird vorhanden. Alpha-Hederin sorgt dafür, dass mehr beta-adrenerge Rezeptoren auf den Zelloberflächen vorhanden sind. Werden diese stimuliert so wird das cAMP-System aktiviert und es werden über eine Reaktionskaskade einerseits in den Becherzellen flüssigere Schleime gebildet und Bronchialmuskelzellen relaxiert.
Andreas Schapowal berichtet über den Einsatz von Pestwurz-CO2-Extrakt bei allergischer Rhinitis und dokumentierte seine Aussagen mit klinischen und pharmakologischen Studien, an denen er mitgewirkt hat. Die Dosierung stand zur Diskussion: Nicht immer ist je mehr je besser doch in diesem Fall können höhere Dosen bei vermeintlichen non-Respondern zum Erfolg führen. Aus der Praxis konnte er berichten, dass das in benachbarten Ländern angebotene Perillaöl (wird als Nahrungsergänzungsmittel vertrieben) gute Wirkung bei Heuschnupfen zeigt. Als mögliche Wirkprinzipien sind die Stabiliserung der Mastzellenmebran und die Leukotriensynthese in der unterstützenden Literatur beschrieben. Auch bei der Behandlung der Sinusitis und Bronchitis stehen für Schapowal die pflanzlichen Arzneimittel im Vordergrund wobei er durchaus auf Kombinationsprodukte, so z.B. Thymian und Primel, setzt. Auch für solche liegen mittlerweile Wirksamkeitsnachweise vor. Besonders betont hat er die richtige Diagnose, auf die im HNO-Bereich allergrösster Wert zu legen ist.
Matthias Rostock gab eine Übersicht über die Kenntnisse zum Thymian, der seit Jahrhunderten in der Phytotherapie eingesetzt wird, jedoch in der Wissenschaft etwas in Vergessenheit geraten ist. Dabei fand u.a. auch die Anwendung als Lösung zum Gurgeln für die auch andere Drogen aus Labiaten, etwa Salbei geeignet sind Beachtung. Neu auf dem Markt sind Sprays mit Pflanzenextrakten: Sie werden gemäss Diskussionsbeiträgen der Teilnehmenden mit gutem Erfolg eingesetzt.
Ursula Schwotzer berichtete aus ihrer reichen Erfahrung im Umgang mit etherischen Ölen: Wichtig der Hinweis, dass in etherischen Ölen anders als in Drogen, Extrakten und Tees die Naturstoffe in hoher Konzentration vorkommen und so zu Reizungen führen können. So sind die Hinweise auf allfällige Nebenwirkungen deutlich zahlreicher. Werden die Öle jedoch richtig dosiert und in richtiger Verdünnung angewendet, so sind sie auch dank ihrer Eigenschaften als Riechstoffe sehr nützliche Therapeutica. Bewährte Rezepturen sind zahlreich und wurden von der Referentin auch vorgestellt.
Oft hat es der letzte Programmpunkt eines langen Tages schwer noch einmal die volle Aufmerksamkeit für sich zu beanspruchen. Diesmal war es ganz anders: Isabelle Herrs Wickel vom benachbarten Paracelsus-Spital in Richterswil, das bei diesem Kurs jeweils als Co-Organisator auftritt - vermochten die Teilnehmenden nochmals zu aktivieren. Verschiedene Wickel wurden angelegt und die „Probanden“ schilderten ihr Empfinden bei einem Zitronen- und einem Ingwerbrustwickel. Den Meerrettichnackenwickel probierten viele Entspannung war gefragt nach den vielen Eindrücken, die der Tag gebracht hatte. Eine wohlduftende Ölkompresse nahmen alle mit auf den Heimweg. So wurde die Theorie zum Erlebnis und einmal mehr deutlich, dass die Phytotherapie mit Komponenten arbeitet, die direkt erlebbar sind und so über die nüchterne Betrachtung klinischer und pharmakologischer Daten hinaus geht. Viele Patienten werden dankbar sein, wenn ihnen solche im menschlichen Wesen tief verankerte Erfahrungen in einer sich rational gebenden, trotzdem irrationalen Zeit mit auf den Weg gegeben werden. Auch diese Phänomene basieren auf einem rationalen Hintergrund.
Es ist für einen Kursleiter immer wieder erfreulich festzustellen, wie die Vielfalt der Inhalte immer wieder auf die Teilnehmenden durchschlägt und in den Kursen trotz immer wieder wechselnder Teilnehmerschaft eine gute Stimmung entsteht. Besonders auch in unserem Grundkurs, der erneut nach Engelberg führt. Falls Sie Lust haben sich während zwei Tagen den Pflanzen zu widmen: Es sind noch Plätze frei, Anmeldungen für Kurs 1 können weiterhin entgegengenommen werden.
| Die Kunst des Wickels: Brustwickel demonstriert von | Isabella Herr, Paracelsus-Spital, Richterswil |
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| Merrettichwickel für den Nacken | ![]() |
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Zitronenwickel um den Hals und für den Heimweg eine erfrischende Ölkompresse. |
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![]() Volles Haus und gespannte Aufmerksamkeit für Ursula Schwotzer und die etherischen Öle. |
| Es referierten zum Thema | Infektionskrankheiten in den Atemwegen: |
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| Roland Schoop über Echinacea purpurea |
Thomas Weber zu Pelargonium sidoides |
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![]() Matthias Rostock zu Thymian |
| Andreas Schapowal zu Allergien, Bronchitis und Sinusitis |