Zukunftsperspektiven für Phytotherapie in der Neurologie
Die Organisatoren der 26. Jahrestagung für Phytotherapie zeigten mit dem Thema „Phytotherapie in der Neurologie“ Mut und waren unsicher, ob dieses bisher kaum bearbeitete Thema sich adäquat abhandeln lasse. Ihre Skepsis wandelte sich, denn die 214 Teilnehmenden erlebten eine animierte Tagung mit Referierenden, die ihr Engagement und ihren Einsatz für die Patienten vermittelten und den Mut haben, zu deren Gunsten mit Phytotherapie und einer durchdachten Betreuung sich ärztlich zu engagieren.
Dr med Robert Käufeler von der mitorganisierenden Rheinburg-Klinik in Walzenhausen gab zur Einführung einen Einblick in die Geschichte der Neurologie, die sich um die Jahrhundertwende zur eigenständigen Disziplin entwickelte und zuletzt mit den bildgebenden Verfahren entscheidende Impulse erhielt. Die Phytotherapie ist in der Neurologie noch nicht so richtig angekommen, obwohl bekannt ist, dass die Mehrzahl der Patienten z.B. mit Multipler Sklerose mit komplementärmedizinischen Methoden experimentieren und dabei auch die Phytotherapie eine Rolle spielt. Käufeler berichtete von seinen positiven Erfahrungen mit den „klassischen“ ZNS-wirksamen pflanzlichen Arzneimitteln in den Indikationsbereichen Insomnie, Angststörungen, Depressionen und demenzieller Entwicklung. Oft vereinfacht er bei Patienten, die eine riesige Medikamentenliste in die Klinik bringen, die Medikation unter Einsatz pflanzlicher Arzneimittel.
Die Probleme der beginnenden Demenz schilderte Dr med Irene Bopp-Kistler vom Stadtspital Waid in Zürich. Sie wehrte sich in ihrem engagierten Referat gegen Vorwürfe, dass die Demenzkrankheiten, die mit leichten, oft schwer erkennbaren Störungen beginnen, als Trenddiagnose oder als Tummelfeld der Pharma-Industrie abgetan werden: „Im Gegenteil, es stehen zu wenig Forschungsgelder zur Verfügung“. Hinter ihrem Engagement stehen Menschen, die wegen beginnender Hirnleistungsstörungen genannt Mild Cognitive Impairement (MCI) in grösste Schwierigkeiten am Arbeitsplatz oder in der Partnerschaft mangels Kenntnis und Verständnis für die die Krankheit gekommen sind. Als therapeutische Option stehen die Ginkgo-Präparate zur Verfügung, da kaum synthetische Präparate für MCI geignet sind.. Acetylcholinesterase-Hemmer sind für die Indikation zu wenig geprüft und wegen der Nebenwirkungen keine Option. Bopp-Kistler empfiehlt auch Zubereitungen aus Ginkgo biloba für die Prüfungsvorbereitungen z.B. an der Universität um der grassierenden „Ritalin-Seuche“ entgegen zu treten.
Prof Dr Jürgen Drewe von der Universität Basel gab eine Übersicht über die pflanzlichen Sedativa und kam zum Schluss, dass sich sowohl für Zubereitungen aus Johanniskraut und Baldrian sowie der Kombination Baldrian/Hopfen auf der Basis der Literatur ein deutlich niedriges Nebenwirkungspotential gegenüber den synthetischen Arzneimitteln aus evaluierter Literatur ableiten lässt, auch gegenüber den Patienten rezeptfrei zugänglichen Substanzen wie Diphenhydramin. Die geringe Nebenwirkungsrate führte Prof Dr Dieter Loew, Wiesbaden auf die generellen Eigenschaften von Mehrstoffgemischen, wie sie mit Extrakten vorliegen, zurück. Die vergleichsweise unselektive Wirkung auf verschiedene Targets (Pleiotropie) führt zu einem breiten Wirkprofil mit weniger wirkungsmechanistisch bedingten Nebenwirkungen. Er votierte für den Einsatz pflanzlicher Arzneimittel anstelle von synthetischen Arzneimitteln, von denen neustens immer mehr für den alten Patienten nicht mehr empfohlen werden (Priscus-Liste): „Ich kenne keinen toxischen Metaboliten, der aus einer pflanzlichen Zubereitung entsteht.“
Zur Behandlung von Kopfschmerzen und Migräne nahm Dr med Charly Gaul von der Kopfschmerzberatung der Universitätsklinik in Essen Stellung. Die lokale Applikation von Pfefferminzöl ist jederzeit ein Versuch wert. Schwieriger wird es mit Pestwurz, mit der der Referent die besten eigenen Erfahrungen gemacht hat. Die Zulassung des entsprechenden Präparates wurde in der Schweiz vor etlichen Jahren gestrichen und in Deutschland scheiterte die Nachzulassung, sodass das Präparat derzeit nur über England bezogen werden kann. Ob der Pestwurzextrakt, der derzeit in der Schweiz als Antirhinologicum bei Heuschnupfen verfügbar ist, bei Kopfschmerzen auch wirken würde ist bisher nicht bekannt. Der hyperämisierende und schmerzlindernde Effekt der Scharfstoffe aus Capsicum sowohl als Reinstoff, Capsacinoidgemisch oder Extrakt bei der Polyneuropathie kann pharmakologisch klar begründet werden. Der Trend läuft zu hohen Konzentrationen in der topischen Anwendung, eine 8%-Zubereitung die wegen der Schärfe und der Flüchtigkeit der Wirkstoffe nur unter speziellen Vorsichtsmassnahmen eingesetzt werden kann führt zu einem dreimonatigen Effekt. Die Wirkung wird auf einen nachgewiesenen Rückzug efferenter Fasern zurückgeführt. Die hochkonzentrierte Zubereitung ist in der Schweiz bisher nicht zugelassen. Zur Verfügung stehen dermale Pflaster oder topische Anwendungen aus der Rezeptur (0.075%), die mehrmals pro Tag angewendet werden und so zum gleichen Effekt des Faserrückzugs führen. Davon berichtete Dr med Stefan Hägele-Link aus dem Kantonsspital in St.Gallen mit dem Hinweis, dass Capsicum-Anwendungen (nur niederdosiert) vor kurzem sogar Eingang in die „Evidence based guideline: Treatment of painful diabetic neuropathy“ der amerikanischen Akademie der Neurologie geführt haben.
Den Status als Arzneimittel bisher nicht erlangt haben L-Dopa haltige Arzneipflanzen. Die wenigen Untersuchungen zu Vicia faba (Ackerbohne) und Mucuna pruriens (Juckbohne) stammen aus Asien, Präparate sind vor allem in den USA (kein Arzneimittelstatus) erhältlich. Klaus Peter Latté konnte aus der vorhandenen Literatur ein hohes Wirksamkeitspotential ableiten, insbesondere für Mucuna pruriens. Noch gibt es allerdings viel Forschungsbedarf, insbesondere auch im Bereich der Nebenwirkungen. Ob sie auch bei diesen Anwendungen geringer wären? Latté wies darauf hin, dass es sich auch wenn die Produkte als Nahrungsergänzungsmittel irgendwo auf der Welt erworben werden nach europäischer Anschauung um Arzneimittel handelt und die Anwendung bei begründeter Indikationsstellung nur unter der Überwachung eines erfahrenen Neurologen stattfinden sollte.
Noch grösser sind die Schwierigkeiten bei der Anwendung von Cannabis sativa bei der Behandlung von spastischen Zuständen in der Paraplegie, unabhängig davon, ob Reinstoffe wie THC-Präparate (Dronabinol) oder Extrakte (Sativex) angewendet werden. Davon berichteten Dr med R Spreyermann und Dr med H Lochmann. Ohne Sonderbewilligungen geht es nicht, weshalb insbesondere Dronabinol in der REHAB Basel nur als add-on oder last-line Therapie jährlich an 5-10 PatientInnen neu verordnet wird. Dazu kommen enorme Kosten für das synthetisch hergestellte Produkt. In der Diskussion wies Prof Dr Ruedi Brenneisen von der Universiät Bern darauf hin, dass ab 1. Juli 2012 in der Schweiz voraussichtlich neue Regelungen in Kraft treten, die die Cannabistherapien einfacher zugänglich machen werden.
Robert Käufeler konnte am Schluss der Tagung feststellen, dass an diesem Tag eine Fülle von Informationen zusammen gekommen ist und die Referierenden die Neugier am Thema durchwegs weckten. Er wünschte sich, dass die Forschung vermehrt auf die angesprochenen Themen fokussiert wird und dass wieder vermehrt Firmen den Mut entwickeln, neue Felder für die Phytotherapie zu belegen und mit entspechenden Produktin in Zukunft aufwarten.
Haben Sie die Tagung verpasst? Die Portraits der Referierenden und deren Kurzfassungen zu den Vorträgen finden Sie unter http://www.smgp.ch/auspro/jtagung/2011/tag11.html . Die Stimmung und die Begeisterung, die eine solche Tagung vermitteln kann, lässt sich so nicht nachholen. Doch die nächste Jahrestagung kommt bestimmt: Am 22. November 2012 zum Thema: „Infektionskrankheiten Leadership für Phytotherapie ?“
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