Leber und Galle – vielschichtig beleuchtet und spannend dargestellt

Ob ein Thema wie Leber und Galle ein Publikum findet? Das war die grosse Frage, als dieses Thema für die 23. Schweizerische Jahrestagung für Phytotherapie ausgewählt worden war. Die Zweifel schwanden bald: Die Zahl der Anmeldungen stieg sukzessive und so waren es rund 250 Teilnehmende die in Baden gespannt den attraktiven Referaten folgten. Zusammen mit den Referierenden, den Organisatoren und den Betreuern der Ausstellungsstände versammelten sich 300 Personen im Trafo in Baden. Nur die Tagung Phytotherapie in der Gynäkologie damals in Solothurn fand seinerzeit ein ähnliches Interesse.

Die verschiedenen Referenten verstanden es die beiden Organe aus verschiedensten Ansätzen heraus den Zuhörern näher zu bringen. Interessant war festzustellen, dass die Leber seit der Antike als ein zentrales Organ für die Lebensfunktion betrachtet wurde. Diese Anschauung hat sich bis heute in der Volksmedizin behauptet. Die Leber ist demnach mehr als ein Entgiftungsorgan. Die Leber wurde charakterisiert als Organ der Erneuerung und damit des Wandels und der Realisierung von Plänen. Die Galle als Tagorgan hingegen ist verantwortlich für die katabole Funktion des Abbaus, damit die Fremdbestandteile der Nahrung vom Körper übernommen werden können. Bis zu einem Liter Galle, einer aggressiven Lösung, werden täglich produziert, um die Verdauung zu sichern. Für Thomas Rau sind Leber und Galle keine Stiefkinder der Therapie – er fokussiert bei jedem chronischem Krankheitsprozess auf diese Organe: „Das Leber-Yin fördert Vitalität, Entschlusskraft und Tatendrang“. Ähnlich sieht das Cesar Winnicky. Schwierig ist die Symptomatik: Bis die sehr regenerationsfähige Leber selbst Schädigungen zeigt können sich ganz andere Symptome zeigen. Haut und Schmerzen stehen im Vordergrund. Reinhard Saller votierte dafür, dass Leber und Galle mit Magen und Darm als ein System betrachtet werden. Dies zeigt sich auch bei der Betrachtung der Arzneipflanzen: Die meisten sind bitter und werden sowohl zur Therapie von Magen-/Darm als auch Leber-/Galle-Problemen eingesetzt. Maja dal Cero wies darauf hin, dass der Löwenzahn als Gemüse und Arzneimittel in der Medizin fast aller Völker verwendet wird und eine gute Basis ist wenn in einer Arztpraxis Patienten aus verschiedensten Ländern betreut werden. Artemisia absinthium als stärkende Urtinktur wurde mehrfach erwähnt (z.B. für Schüler, die nicht die nötige Dynamik aufbringen) – Arthemisia abrotarum von Clifford Kunz als mildere Alternative in Betracht gezogen. Bernhard Uehleke erläuterte die Leber-/Galle-Mittel aus der Sicht der Klostermedizin, die auf den antiken Lehren der vier Elemente, der vier Säfte und von vier Qualitäten bauen. Er sieht in der historischen Aufarbeitung der Verwendung von Arzneipflanzen einen Bonus für deren heutige Anwendung. Dass mit dem Schöllkraut ausgerechnet eine Pflanze, die eine spasmolytische Wirksamkeit bei krampfartigen Beschwerden des oberen Gallenganges und oberer Magen-/Darm-Trakt zeigt, leberschädigend sein soll, weckte Zweifel. Mit den derzeit zugelassenen Dosierungen sind keine Risiken zu befürchten. Zur Sicherheit sollten nach vier Wochen die Leberenzyme gemessen werden. Die Referierenden des Nachmittags erwähnten weiter die Artischockenblätter, die Schafgarbe (vor allem auch für Wickel) sowie den bitteren 3-Wurzel-Tee aus der Volksmedizin mit Löwenzahn, Grosser Klette und Wegwarte.

Die aus wissenschaftlicher Sicht derzeit prominenteste Pflanze ist die Mariendistel, von der die Früchte verwendet werden. Thomas Zilker aus München berichtete, dass es seit der Einführung der Sylimintherapie (Injektionslösung) bei Knollenblätterpilzvergiftungen keine Todesfälle mehr gegeben hat und auch nur noch selten Lebertransplantationen nötig geworden sind, wobei möglicherweise die sich ständig verbessernde Pflege auch mit dazu beiträgt. Die frühere Kombination mit Penicillin ist obsolet, da die retrospektiven Studien ein schlechtes Resultat zeigten.

Therapeutisch basiert die Mariendistel nach Manfred Wiese auf vier Prinzipien:

1. Reduktion von oxidativem Stress
2. Reduktion der inflammatorischen Aktivität
3. Hemmung der Fibroseaktivität
4. Stimulierung der Leberzellregeneration

Es gibt keine andere „Lebersubstanz“ mit so breiter Wirkung. Klinisch gibt es verschiedene Studien, die die Wirksamkeit bei verschiedenen Leberkrankheiten zeigen. Ein umfangreiches Forschungsprogramm ist derzeit im Gang. Möglicherweise öffnet sich sogar die Option einer Wirksamkeit der Injektionslösung bei Hepatitis C durch Senkung der Viruslast: Mit hohen Dosen von Silymarin wird das möglich, ohne dass Nebenwirkungen beobachtet wurden. Bestätigen sich diese Erkenntnisse wäre das ein ganz grosser Erfolg für die Naturstoffforschung. Die klinisch und pharmakologisch geprüften Präparate tragen den Markennamen Legalon.

Spannend waren auch die Diskussionen. So erfuhren die Teilnehmenden von Jürgen Drewe, der zuvor die Funktion der Leber, deren Krankheiten und Diagnostik vorgestellt hatte, dass sie ihren Pausenkaffee neu aus Sicht der Leber unter dem Thema Antioxidantien positiv bewerten dürfen. In die gleiche Richtung geht auch der Trend zu dunkler Schokolade und so zeichnet sich ein Trend ab, der langsam auch bei den Gemüsen wieder zu greifen beginnt: von Süss zu Bitter (sofern die Bitterstoffe nicht wieder von Zucker überdeckt werden). So kann die allgemein tonisierende Wirkung der Bitterstoffe vermehrt zum Tragen kommen, was der Volksgesundheit nur dienen kann.

Es herschte eine gute Stimmung im Trafo in Baden. Zu ihr haben die hervorragende Verpflegung und die Aussteller mit ihren Produktinformationen beigetragen hat. Die Abstracts zu den einzelnen Vorträgen sind auf der SMGP-Kongresseite publiziert. Ein ausführlicher Bericht zur Tagung wird in den ersten beiden Ausgaben unserer Vereinszeitschrift publiziert. Und „Ars Medici“ wird im neuen Themenheft Phytotherapie im Februar die Referate einzeln publizieren.

Sollten Sie nicht dabei gewesen sein, können Sie sich nachinformieren.

Reservieren Sie sich heute schon den Termin für die nächste Jahrestagung:

19. November 2009. Phytopharmazie und Sport.