Arzneipflanzen als Dopingfalle im Pferdesport?

Die SMGP-vet, die Veterinärgruppe der Schweizerischen medizinischen Gesellschaft für Phytotherapie (SMGP), hat während der weltweit zum ersten Mal stattfindenden Tagung zum Thema Phytotherapie und Sport einen Workshop abgehalten. Dabei diskutierte die SMGP-vet mit Fachleuten aus dem Veterinärbereich über eine vernünftige Regelung der möglichen missbräuchlichen Anwendung von pflanzlichen Präparaten im Pferdesport.

Gilles Thiébaud wendet gerne pflanzliche Präparate an um die Folgen des Stress und der großen Belastung des Organismus zu mildern. Bei Rennpferden ist der Weg des Sauerstoffes „Atemwege – Kreislauf – Muskulatur“ im speziellen beansprucht. Die Hochleistungen und sehr starke Anstrengungen können zu Lungenblutungen führen. Ideale Indikationen für pflanzliche Substanzen sind zum Beispiel zur Kapillarstärkung, zur Ausscheidung von Toxinen und angesammelter Flüssigkeit nach Rennen und Training diuretisch wirkende Pflanzen. Der Referent wünscht sich qualitativ hoch stehende Pflanzenpräparate, sicher in der Anwendung im Hinblick auf Dosierung und Nebenwirkungen. Dass trotz dem Dopingskandal in Hongkong Pferdebeine immer noch rasiert werden, zeigte er in gezoomten Aufnahmen vom CSIO in St.Gallen 2009 sicher nicht ohne Absicht. .Die Unsicherheit des Tierarztes bei der Behandlung von Spitzensportpferden mit pflanzlichen Mitteln besteht, jedes Präparat kann unbeabsichtigt in der Dopingfalle werden. Er fordert deshalb die Etablierung von ISL’s (International Harmonized Screening Levels) für dopingrelevante pflanzliche Arzneimitteln und das Streichen der anderen Phytopharmaka aus der Screeningliste bei der Dopinganalyse.

Nach F.Sluyter haben die Pferdesportverbände genug zu tun mit den „schweren Verstößen gegen die Dopingregeln“ und können sich den zeitlichen und finanziellen Aufwand für die regelmäßige Suche nach pflanzlichen Substanzen im Pferdeblut und –urin rin gar nicht leisten. Es besteht aber eine große Verunsicherung. Deshalb ist es wichtig zu wissen, was wirkt und was nicht und mit welchen Präparaten wirklich gegen die Dopingregeln verstoßen wird. Heute wird toleriert, was keine Bedrohung ist. Wichtig ist vor allem, dass ein kontrollierter Markt für diese pflanzlichen Mittel für Pferde und andere Tiere besteht.. Die Dosierung und Inhaltstoffe der dopingverdächtigen Substanzen müssen bekannt sein. Um die Akzeptanz des Pferdesport weiterhin hoch zu halten, ist in Dopingfragen eine Zusammenarbeit im Dreieck Reiter, Verband und Labor wichtig.

Marc Machnik zeigte den Analysenprozess der heiklen Proben im Labor auf. In Gaschromatographen werden bekannte und unbekannte Substanzen auch in Spuren aufgedeckt. In sorgfältigsten Prozessen werden Verunreinigungen aus dem Labor ausgeschlossen. Bei einem positiven Resultat mit einer pflanzlichen Substanz, werden Futterproben des betroffenen Pferdes im Zweifelsfall mit untersucht. Positive Resultate auf Coffein verursachten Kakaobohnenschalen im Futter.
In der präsentierten Liste von positiv gestesteten Pflanzeninhaltsstoffen handelt es sich in erster Linie um Alkaloide, d.h. stark bis sehr starkwirksame Inhaltsstoffe mit einer klar umschriebenen Wirkung wie Cocain, Morphium, Reserpin. Bei dopingverdächtigen Pflanzen wie Baldrian wird nach einer Leitsubstanz gesuch, wie in der Pflanzenanalytik üblich. Diese Substanz muss nicht zwingend die Wirksubstanz sein.

Dieses Beispiel leitete die anschließende Diskussion ein. Viele in der Humanmedizin bekannten pflanzliche Wirkstoffkomplexen, zum Beispiel Weissdorn, können nicht einzeln erfasst und analysiert werden. Ähnliche Stoffe finden sich regulär im Futter, Heu. Der Wirkstoffkomplex ist der grosse Unterschied zur klar definierten chemisch oder starkwirksamen Substanz pflanzlichen Ursprungs. Die Anwendung solcher eher mild wirkenden Präparate mit gesicherten Indikationen könnte die ganze Dopinganalytik fragwürdig machen. Aus diesem Grunde können und werden die diuretisch und ausleitend wirkenden pflanzlichen Präparate in der Dopingkontrolle nicht erfasst, wie später bestätigt wurde.
Die positive Dopingprobe von Baldrian zeigte andere interessante Problematiken auf: hier wird nach dem nicht unbedingt wirksamen Inhaltstoff gesucht. Es könnten auch Baldrianextrakte ohne diesen Inhaltsstoff angewendet werden, oder die Substanz kann unbeabsichtigt über das Futter verabreicht werden. Baldrian wird heute den supernervösen Pferden verabreicht, weil sich das Verhalten der Spitzensportpferde verändert hat, Sie sind „zu heiß“ und können fast nicht mehr geritten werden. Die klassischen, chemischen Sedationsmittel sind hier nicht indiziert.
Die FEI sucht nur nach verdächtigen Substanzen mit für sie nachgewiesener Wirkung. (Sluyter). Nach Sticher wird die Wirkung des Baldrians diskutiert, es wurden zwar empfindliche Gabarezeptoren gefunden, auf der andern Seite ist eine Effekt erst nach längerer, regelmässiger Einnahme erwartet. Reagieren Pferde hier anders? Die Frage, ob Passionsblumenkraut anstelle von Baldrian angewendet werden könnte, ob dieses wirksam wäre und auch nachweisbar, konnte nicht beantwortet werden. Reserpin wird auch sehr gerne eingesetzt, ein alt bekanntes Alkaloid aus der Rauwolfia. Sticher wies am Beispiel der Eleutherococcusinhaltstoffe, die in vielen andern Pflanzen ebenfalls nachgewiesen werden, nochmals auf die fragliche Beweiskraft des Nachweises von Naturstoffen bei einer Dopinganalytik hin.
Die Frage der Verunreinigung von Proben mit verdächtigen Inhaltsstoffen aus dem Futterbereich, vor allem bei Weidegang, wird bei bekannten Stoffen mit Schwellenwerten gelöst, zum Beispiel bei Salizylsäure, DMSO. Hordenin. Der Schwellenwert von Salizylsäure musste die FEI aus den amerikanischen Normen einführen.
Die Frage der Zuhörer, ob aus Fairness nicht alle pflanzlichen Stoffe einen Schwellenwert brauchen, im speziellen die mildwirksamen Stoffe beantwortete Machnik. Es werden labortechnisch unterschiedlich empfindliche Geräte angewendet, bei einem Dopingverdacht entscheidet der Verband über Sanktionen für den Reiter. Es werden keine willkürlichen Entscheide gefällt. Für unbekannte verdächtige Substanzen wird eine Strukturaufklärung mit aufwendigen Analyseverfahren angestrebt. Nicht einstufbare Ergebnisse können häufig nicht sofort verfolgt werden, da die ganze Analytik sehr teuer ist.
Pfefferminze ist dopingverdächtig weil ein Inhaltstoff, Menthol, positiv nachgewiesen wurde. Dem betroffenen Pferd wurde kurz vor dem Wettkampf Menthol in riesigen Mengen zur Erleichterung der Atemwege in einer Inhalation verabreicht. Die Frage stellt sich ob aus dem Pfefferminzöl ebensolche Mengen aufgenommen würden.
Ob die Anwendung von Teufelskralle im Umfeld des Wettkampfes dem Sportpferde und dem Ansehen des Pferdesports schaden kann ist eine der nicht beantworteten Fragen.
Die interessante Diskussion zeigte die grosse Verunsicherung der Verbände, der betroffenen Tierärzte und der Labors im Umgang mit pflanzlichen Mitteln im Bezug auf Wirkungen, Wirksubstanzen und die sich im Handel befindlichen Präparate. Dr BernhadLischka betonte nachhaltig, dass die im Handel befindlichen Futtermittelzusätze qualitativ und in der Zusammensetzung sicher sind. Die Hersteller sind gezwungen sich der Dynamik der positiv getesteten Substanzen anpassen. So zum Beispiel wurde Capsicum aus einem bewährten Futterzusatz für die Gelenke entfernt.
Diese Verunsicherung versteht die SMGP-vet als klaren Auftrag zu versuchen, die Phythotherapie wieder im Fachbereich von Universitäten, Kliniken und Praxen zu etablieren, die alten und aktuellen Erfahrungen aufzuarbeiten, damit in Zusammenarbeit mit den Pferdesportverbänden, Tierärzten und Labors die Forschung wieder aufgenommen wird..
Die SMGP-vet hat an die gleichzeitig stattfindende Generalversammlung der Fédération Equestre Internationale (FEI) in Kopenhagen einen nicht formellen Antrag zur Anhörung gestellt, der möchte, dass eine Liste von erlaubten und verbotenen pflanzlichen Stoffen und Präparaten für den Pferdesport erstellt wird. Einige pflanzliche Produkte sind bereits auf der neuen an der Generalversammlung genehmigten Liste der verbotenen Substanzen gestrichen worden.