Frauen zu Frauen: Gloriose Tagung zum Thema Gynäkologie in Brugg


Wer am 23. November in Brugg war, wusste am Abend, wieso er sich für die Phytotherapie einsetzt und sich weiter einsetzen will. An der von Beatrix Falch unter Mithilfe von Regina Widmer (beide haben das Phyto-Gyni-Netzwerk Herbadonna im 2003 gegründet) und Beat Meier unter Mithilfe der Weiterbildungseinheit der ZHAW (Rachel Urenda, Marianne Ernst, Samuel Peter) organisierten Tagung zum Thema „Phytotherapie in der Gynäkologie: Aus der Praxis für die Praxis“ schafften es die Referentinnen bei Grossaufmarsch eine ausgezeichnete Stimmung zu kreieren. Im Vordergrund standen eigene Beobachtungen und eigene Erfahrungen mit Patientinnen in der Anwendung von Phytotherapie aus der täglichen Praxis – unter Berücksichtigung von Aspekten, die in Lehrbüchern kaum oder nur am Rand vermittelt werden. Insgesamt waren rund 450 Personen in Brugg engagiert, davon rund 350 eingeschriebene TeilnehmerInnen. Wie schon im Jahr 2002 zeigte sich: Phytotherapie und Gynäkologie sind ein attraktives Paar. Und mehr Praxisbezug als an dieser Tagung hat wohl kaum einer der Teilnehmenden an einer anderen Fort- und Weiterbildungsveranstaltung mit nach Hause genommen.

Damals, vor fünfzehn Jahren (2002), motivierte die erste, der Gynäkologie gewidmete Tagung eine ganze Reihe von Gynäkologinnen das Netzwerk Herbadonna aufzubauen, traditionelle Erfahrungen zu beleben und zu dokumentieren sowie Mut zu fassen, um eigene, auf die Patientinnen zugeschnittene Wege zu beschreiten. Resultat dieser Bemühungen war die Tagung, die soeben hinter uns liegt, mit einem selbstbewussten Auftritt zum Teil derselben, aber auch jüngerer Gynäkologinnen. „Phytotherapie wird in der Medizin oft als banal und langweilig wahrgenommen – das Gegenteil ist der Fall“. So lancierte Beatrix Falch den Anlass und versprach damit nicht zu viel – die Referentinnen wussten im bis zum Schluss gut gefüllten Brugger CAMPUSSAAL zu faszinieren.

Liselotte Krenn beschäftigt sich als Dozentin an der Universität in Wien, wo die Pharmakognosie als traditionelle Lehre der Arzneipflanzen noch ein eigenes Departement hat, seit Jahren mit den Phytoöstrogenen. Der Wirkungsnachweis erweist sich – fokussierend auf Soja und Rotklee mit den Isoflavonen – als äusserst komplex, da extrem viele Faktoren eine Rolle spielen und Metaboliten wie Equol höhere Aktivität zeigen als die Isoflavone selbst. Das Potential der Substanzen liegt zwischen Placebo und der Hormonersatztherapie bei vasomotorischen klimakterischen Beschwerden, abhängend von Produkten mit 50–100 mg Isoflavonen pro Tag. Da sowohl Rotklee als auch Soja nicht der Arzneimittel- sondern der Lebensmittelgesetzgebung unterstehen, muss die Auswahl sorgfältig erfolgen.

Gesa Otti-Rosebrock, Biel, betonte, dass die Hormonersatztherapie in sehr vielen Fällen kontraindiziert ist und diese Frauen wie diejenigen, die von sich aus auf diese Massnahme verzichten wollen, nicht allein gelassen werden dürfen. Die Phytotherapie bietet sich an primär mit den gut dokumentierten Produkten der Traubensilberkerze (Cimcifuga racemosa) bei Wechseljahrbeschwerden, des Mönchspfeffers (Vitex agnus castus) zur Zyklusstabilisation und beim starkem Schwitzen mit Salbei (Salvia officinalis). Anhand von drei Fallbeispielen erläuterte sie ihre Vorgehensweise, die meistens auch eine individuelle, auf die Probleme der Patientin zugeschnittene Rezeptur umfasst.

Übermässiges Schwitzen kann nicht nur im Zusammenhang mit der Menopause gesehen werden. Dies belegte Marion Ombelli-Meisser, Neuenburg, zum Thema Phytotherapie für die gestresste Frau. Die weiblichen Hormone sollten in den Wechseljahren vermehrt als Stoffwechselhormone verstanden werden, denn die sinkenden Progesteronspiegel führen zu weniger Stressresistenz und die sinkenden Estradiolspiegel zu vermehrter Insulinresistenz – eine verheerende Kombination. Ein erster Schritt zur Bewältigung von Stress besteht darin, auf das autonome Nervensystem und die Kortisolproduktion einzuwirken. Dazu gibt es verschiedene nicht-medikamentöse Techniken und eine Reihe von phytotherapeutischen Massnahmen, etwa mit Rosenwurz (Rhodiola rosea), Taigawurzel (Eleuterococcus senticosus), asiatischem Ginseng (Panax ginseng) und Süssholz (Glycyrrhizia glabra).

Regina Widmer, Solothurn, entdeckte bei ihren Patientinnen, dass die mit starken Schmerzen verbundene Dysmenorrhöe ein weit verbreitetes, aber kaum thematisiertes Problem ist. Sie weigert sich von der Theorie auszugehen, dass Frauen dies einfach erleiden müssen. Ruhe, Entspannung und Wärme sind die auch in der Literatur schon von vor hundert Jahren zu findenden Massnahmen, um den Schmerzen entgegen zu wirken. Widmer forderte eine Anpassung der Arbeitsbedingungen für die Frauen, wie sie in einigen wenigen Firmen vor allem im anglikanischen Raum schon durchgeführt werden. In Japan habe die Frauen das Recht, während ihrer Periode einen Tag Auszeit zu nehmen. Die Leistungsfähigkeit ist in der übrigen Zeit entsprechend höher, sodass die Kompensation von selbst gegeben ist. Die Behandlungsstrategien mit Arzneipflanzen sind noch im Aufbau begriffen – die Reduktion des Schmerzmittelverbrauchs das Ziel. Potential hat der Mönchspfeffer, derweil Regina Widmer vom aktuellen Cannabis-Hype (THC-arme, CBD-reiche Produkte) über die Erfahrungen ihrer Patientinnen derzeit keinen Benefit erkennen kann.

Den Harnwegsinfekt betrachtete Dorothea Struck, Kiel, die auf verschiedenste Probleme, die zu einem solchen führen, hinwies. So können ungeeignete Kleidung (Mikroklima) und Tampons (Reduktion der Vaginalflora) zu Infekten führen. Viele der modernen Antikonzeptiva führen zu einem Abbau der Schleimhaut und infolge Östrogenmangel zu Verhältnissen, wie sie während der Wechseljahre beobachtet werden. Bei unkomplizierten Harnwegsinfekten stehen deshalb Hygienetipps, Östrogenisierung und Phytotherapie an erster Stelle. Erfolgversprechende Produkte, mit denen die Referentin gute Erfahrungen gemacht hat, sind leider in der Schweiz nicht zugelassen.

Brustkrebspatientinnen leiden oft unter Nebenwirkungen von Chemotherapie und Bestrahlung. Da lohnt es sich gemäss Teelke Beck, Richterswil, mit phytotherapeutischen Massnahmen zu lindern, so etwa mit Ingwer oder Pfefferminze bei leichten Formen der Übelkeit oder mit Bitterstoffen zur Förderung des Appetits. Häufig sind mehrere Massnahmen erforderlich und möglich. Einen besonderen Stellenwert hat die Misteltherapie, die das Immunsystem positiv beeinflusst und nachgewiesenermassen hilft, die Lebensqualität der Patientinnen zu verbessern.

Dorin Ritzmann, Dietikon, berichtete von ihren Erfahrungen zur Behandlung der Portio-Dysplasie, für die sie ein eigenes Konzept, das auf magistral rezeptierten Vaginalovula mit Urtinkturen basiert. Sie verglich die therapeutischen Ergebnisse der LSIL- und der HSIL-Dysplasie mit den in der Literatur zu findenden Daten zu Spontanverläufen und konnte von deutlich verbesserten Heilungsraten berichten.

Das mit Spannung erwartete Referat zum Thema „Phytotherapie bei Kinderwunsch“ konnte leider nicht stattfinden. Beatrix Falch, Zürich/Wädenswil füllte die Lücke mit einem Referat zu „Phytotherapie in der Schwangerschaft“. Sie wies dabei auf die grosse therapeutische Breite der pflanzlichen Arzneimittel hin und erläuterte ihr Vorgehen, wie trotz mangelnder klinischen Studien, Pflanzen auf ihre Eignung in der Schwangerschaft (und Stillzeit) geprüft werden können. Dort, wo es Hinweise auf potentielle Probleme gibt, muss natürlich ein besonderes Augenmerk hin gerichtet werden. Beispielhaft stellte sie für ausgewählte Indikationen in der Schwangerschaft bewährte Arzneipflanzen und deren Zubereitungen vor und streifte auch noch kurz das Thema Kinderwunsch.

Im Rahmen dieses Berichts können nur kleine Elemente der vielfältigen, durch die Referentinnen vermittelten Anregungen weiter gegeben werden. Detailliertere Informationen sind im Tagungsband zu finden. Am meisten profitiert, wer persönlich mit dabei war. Dass es so viele waren, die diesen unbestrittenen Höhepunkt im SMGP-Vereinsjahr miterleben wollten, beweist die wachsende Resonanz, die die Phytotherapie derzeit findet. Nächstes Jahr findet die Jahrestagung am 22. November dannzumal wieder in Baden statt. Thema: „Ätherische Öle: Potential und Klinik“. Die Vorbereitungen dafür sind bereits angelaufen.