Verlust von traditionellen pflanzlichen Arzneimitteln?
Schwierige Zulassungsprozesse gefährden Vielfalt und Innovation


Wädenswil. Am 30. und 31.1.2008 diskutierten an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW) in Wädenswil mehr als 150 Experten die Arzneipflanzenforschung in der Schweiz im Sinne einer Bestandesaufnahme statt. Die zur abschliessenden Podiumsdiskussion eingeladene Swissmedic, die schweizerische Zulassungsbehörde für Arzneimittel, zog ihre anfänglich gemachte Zusage kurzfristig zurück. Nationalrätin Marianne Kleiner (FDP, Appenzell) nannte dieses Verhalten deprimierend.

Anlass dieser gemeinsamen von der ZHAW und der schweizerischen medizinischen Gesellschaft für Phytotherapie (SMGP) organisierten Tagung zur Arzneipflanzenforschung war ein zweifaches Jubiläum: Die SMGP feierte ihren 20. Geburtstag und vor drei Jahren wurde die Fachgruppe Phytopharmazie an der ZHAW etabliert. Stimuliert werden sollte zudem die unbedingt notwendige Förderung der Arzneipflanzenforschung in Zukunft.

Während der Tagung referierten namhafte WissenschafterInnen über grundsätzliche Aspekte der Forschung, der Zulassung und Anwendung pflanzlicher Arzneimittel in der Schweiz. Dabei wurde deutlich, dass hierzulande einige wenige Institute Arzneipflanzenforschung auf höchstem Niveau betreiben. Von verschiedenen Referierenden wurden interessante, auf modernsten wissenschaftlichen Methoden basierende holistische Denkansätze präsentiert. Computertechnik und neuste Forschungsmethoden erlauben neue Blickwinkel auf evolutionsbiologische, genetische und medizinische Beobachtungen. Diese werden nun den pflanzlichen Vielstoffgemischen gerecht, erfordern aber auch eine neue Denkweise bei der Zulassung solcher Präparate.

Neue Betrachtungsweisen wurden daraufhin an einer spannenden Podiumsdiskussion zum im Heilmittelgesetz etablierten Begriff „vereinfachte Zulassung“ entwickelt. Fachleute des Gesundheitswesens, darunter Nationalrätin Marianne Kleiner (FDP, AR) und Nationalrat Daniel Vischer (Grüne Partei, ZH) diskutierten die Auslegung des Gesetzestextes unter dem Aspekt des real gefährdeten Fortbestand gewisser traditioneller pflanzlicher Arzneimittel und der Tatsache, dass Innovationen nur mehr schwer zu realisieren sind. Zulassungsexperte Dr. Renato Kaiser zeigte anschaulich auf, dass derzeit beispielsweise für Kümmelölzäpfchen nur unter hohen Kosten eine Zulassung erreicht werden kann, obwohl es sich dabei in der Praxis um ein gut erprobtes Arzneimittel handelt. Mit dem zu erwartenden Ertrag bei der Vermarktung eines solchen Präparates können die Kosten in den meisten Fällen nicht wieder eingespielt werden. Kaiser forderte: „Man muss bei der Zulassung auch einmal über Geld reden.“ Pflanzliche und andere komplementärmedizinische Arzneimittel stellen für Kleiner ein unbedingt erhaltenswertes Kulturgut dar. Dafür wurde aus ihrer Sicht der Begriff „vereinfachte Zulassung“ geschaffen. Vischer betonte, dass die Vielfalt gewahrt bleiben muss. Er gab zu bedenken, dass es wohl deutlich mehr unzufriedene schulmedizinisch als unzufriedene komplementärmedizinisch behandelte Patienten gibt. Er stellte die Frage, ob es richtig ist, dass der Staat die Verantwortung für die Produkte weitgehend übernimmt. Apotheker PD Dr. Marcel Mesnil und Professor Dr Reinhard Saller betonten, dass den Medizinalberufen die Fach- und Entscheidungskompetenz im Bereich Medikamente immer mehr entzogen wird. Um das Abdriften pflanzlicher Arzneimittel in den Graumarktbereich zu verhindern, forderte Saller eine realitätsbezogene Anpassung der Zulassungsanforderungen. Herbert Schwabl bestätigte als Vertreter der Produzenten, dass die Hersteller eine Zulassung als Arzneimittel wünschen und forderte, dass Swissmedic unter neuer Leitung in allernächster Zeit den zuvor gepflegten Dialog wieder aufnimmt und dass Beratungsgremien mit entsprechender Kompetenz geschaffen werden.

SMGP, 1.2.2008
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Weitere Auskünfte: SMGP Medienstelle
Prof. Dr. B. Meier, ZHAW/SMGP, E-Mail