Kurs 3 Phytotherapie bei Erkrankungen des Herz/Kreislaufsystems

Als Einstieg ins tierärztliche Parallel-Programm stellte der Pharmazeut und Chemiker Christian Mayer die Familie der Rosengewächse vor. Ihr verdanken wir eine Vielzahl von Heilpflanzen, Obst und Früchten. Charakteristisch sind der Blütenbecher, die meist fünfzählige doppelte Blütenhülle und, als chemisches Merkmal, der Gehalt an Gerbstoffen. Der zum Thema passende Vertreter dieser Familie ist der Weissdorn (Crataegus), von dem mehrere Arten offizinell sind, darunter auch die einheimischen C. monogyna und C. laevigata. Verwendet werden fast alle Pflanzenteile: Blüten, Blätter, Früchte. Weissdorn verbessert die Durchblutung des Myokards und steigert dessen Toleranz gegenüber Sauerstoffmangel, er verbessert die Kontraktionsfähigkeit des Herzmuskels und die Erregungsleitung. Sein Wirkungsprofil ähnelt dem des Digoxins, aber ohne dessen Toxizität. Weissdorn hat sich bewährt bei leichter Herzschwäche (NYHA I-II) und leichten Herzbeschwerden nach körperlicher Belastung.

Als nächste stellte Mayer eine wenig bekannte Heilpflanze vor, deren Name  „Herzgespann“ jedoch bereits auf die Anwendung hinweist; „Gespann“ ist ein altes Wort für Schmerz. Die dekorative Pflanze aus der Familie der Lippenblütler (Lamiaceae) entfaltet ihre Wirkung bei nervösen Herzbeschwerden, auch im Rahmen einer Schilddrüsenüberfunktion. Sie regt den Koronarfluss an und verbessert auf diese Weise die Versorgung des Herzmuskels.

Die Dritte im Bunde war wiederum bekannter: Ginkgo biloba, ein lebendes Fossil, stammt aus China, und ist bei uns ein beliebter Parkbaum. Die fächerförmigen Blätter sind unverwechselbar, keine andere Pflanze weist eine ähnliche Blattform auf. Ginkgo hilft bei zentralen und peripheren Durchblutungsstörungen, verbessert die Hirnleistung, ist Radikalfänger und hemmt die Ödembildung. Ginkgo enthält einen toxischen Stoff, Ginkgolsäure, der zu starken Magenentzündungen führt. Aus diesem Grund wird nicht die Blattdroge eingesetzt, sondern der standardisierte pharmazeutische Extrakt.

Wertvolle Tipps für die Praxis

Nach der Theorie ging es in die Praxis: Die Tierärztin Cäcilia Brendieck-Worm zeigte anhand einiger Patientengeschichten, wie Heilpflanzen für Herz und Kreislauf gerade älteren Tieren das Leben erleichtern können. Sie betonte dabei, dass man in der Naturheilkunde Herz-Kreislauferkrankungen nicht mechanistisch als Defekte eines Pumpensystems ansieht, sondern als Ausdruck einer psychosomatischen Störung des gesamten Organismus. Auf eine frühzeitige Behandlung wird deshalb grosses Gewicht gelegt. Weil das Herz-Kreislaufsystem eng mit der Psyche zusammenhängt, ist oft eine Kombination mit beruhigenden Kräuter wie Baldrian, Lavendel, Passionsblume, Hopfen, Melisse sinnvoll.

Cäcilia Brendieck-Worm betonte, dass Phytotherapeutika nebenwirkungsarm und kostengünstig sind. Sie können den Einsatz der stärkeren, aber nebenwirkungsreichen synthetischen Kardiaka lange hinauszögern und in Kombination deren Dosierung verringern. Besonders wichtig ist eine sorgfältige Anamnese, um die Ursache für die Leistungsminderung zu erfassen. Nur so ist es möglich, aus der Vielfalt der Heilpflanzen die am besten passenden herauszusuchen und so eine auf den Einzelfall zugeschnittene phytotherapeutische Behandlung durchzuführen.

Beim Altersherz etwa ist Weissdorn das Mittel der Wahl. Katzen erhalten eine D1, da sie als reine Fleischfresser besonders sensibel auf Pflanzenwirkstoffe ansprechen. Ginkgo hingegen hat sich zur Verbesserung der arteriellen Durchblutung bewährt. Die Wirkung tritt langsam ein, so dass eine Langzeittherapie die Regel ist. Beim Pferd gehören auch Hufkrankheiten wie Hufrollenentzündung, Hufrehe, Strahlfäule und Hufkrebs zum Anwendungsgebiet von Ginkgo. Bei Hund und Katze hilft die vielseitige Pflanze bei Ohrrand-Ekzemen und –Nekrosen, degenerativen Gelenkserkrankungen und kognitiven Dysfunktionen.

Fast Food ist auch für Tiere nicht gesund: Herz-Kreislaufprobleme aufgrund einer Schilddrüsenstörung nehmen vor allem bei Katzen stark zu. Vermutet wird ein Zusammenhang mit Fertigfutter, das oft zuviel Jod enthält. Zwei passende Heilpflanzen stehen hier zur Verfügung: Herzgespann (Leonurus cardiaca) und Wolfstrapp (Lycopus europaeus). Spielt auch Stress mit, empfiehlt sich eine Kombination mit sedativ wirkenden Pflanzen.

Abgerundet wurde der Kurstag durch einen Vortrag von Dominique Kähler über Hirudotherapie. Blutegel stehen zwar ausserhalb der Phytotherapie, ihre Wirkung ist aber so beeindruckend, dass sich ein Blick über den Tellerrand lohnt. Auch tierische Patienten profitieren von den kleinen Helfern und scheinen die Behandlung sogar zu geniessen. Arthrosen und Sehnenentzündungen, Hämatome und Abszesse sind einige besonders bewährte Anwendungsgebiete. Mehr als hundert biologisch aktive Substanzen sind im Blutegel-Speichel enthalten, der entzündungshemmend, blutverdünnend, thrombolytisch, gefässerweiternd, schmerzlindernd, antibiotisch und immunmodulierend wirkt.