Kurs Nr. 5 Atemwegserkrankungen

Traditionsgemäss machte der Chemiker und Pharmazeut Christian Mayer den Auftakt des Kurses und stellte drei Heilpflanzen anhand ihrer botanischen und chemischen Finessen vor; diesmal mit der Besonderheit, dass alle drei „Heilpflanzen des Jahres“ sind. Im Detail ging er auf Efeu und seine Verwandtschaft ein: Die Familie der Araliaceen hat ihre Hauptverbreitung in den Tropen, einige sind uns als Zimmerpflanzen mit zierenden Blättern vertraut. Die Blüten sind konsequent fünfzählig: fünf Kelch- und Kronblätter, fünf Staubblätter (selten bis hundert) und fünf Fruchtknoten. Das chemische Merkmal ist die Petroselinsäure.
Ein einheimischer Vertreter und eine der wenigen Heilpflanzen dieser Familie ist Efeu (Hedera helix), Heilpflanze des Jahres 2010. Mit Hilfe seiner Haftwurzeln klettert er an Mauern und Bäumen empor. Seine immergrünen Blätter sind je nach Alter unterschiedlich geformt: drei- bis fünfeckig gelappt in der Jugend, rhombusförmig an blühenden Sprossen. Medizinisch verwendet werden standardisierte Blattextrakte; sie kommen bei Bronchialerkrankungen und Katarrhen der Luftwege zum Einsatz.
Heilpflanze des Jahres 2014 wird Spitzwegerich (Plantago lanceolata). Er wächst verbreitet in ganz Europa und wird noch oft in der Volksmedizin eingesetzt. Seine entzündungshemmende und die breite antimikrobielle Wirkung helfen bei Katarrh und Schleimhautentzündungen. Äusserlich lindert er Hautentzündungen und das Jucken nach Insektenstichen.
Thymian, Heilpflanze des Jahres 2006, kommt in verschiedenen Unterarten und Chemotypen vor. Medizinisch verwendet wird der Thymol-Typ, als Droge sind die Arten Thymus vulgaris und Thymus zygis zugelassen. Die Wirkung ist ausgeprägt antibakteriell, antimykotisch und antiviral. Thymian hilft bei Katarrhen der oberen Luftwege, bei Bronchitis und Keuchhusten. Er verbessert den Selbstreinigungsmechanismus der Bronchien und erweitert die Bronchien. Für Katzen allerdings ist Thymian kontraindiziert, sie vertragen keine Phenole.

Pflanzenanwendungen in der Nutztierpraxis
Nach der theoretischen Einstimmung auf das Thema ging es mit der Tierärztin Elisabeth Stöger aus Kärnten in die Praxis. Atemswegserkrankungen sind bei Nutztieren häufig. Zu Beginn der Erkrankung sind Viren am Werk, Antibiotika richten in dieser Phase nichts aus. Gelingt es die Virenvermehrung früh zu hemmen, verläuft die Krankheit milder. Aus ihrem reichen Erfahrungsschatz gab die Referentin umsetzbare und praxisnahe Tipps weiter, wobei ihre Freude an den Pflanzenzubereitungen deutlich herüberkam.
Holunder, Lindenblüte und Mädesüss haben sich zu Beginn einer Erkrankung bewährt. Holunder als Tee aus Blüten oder Beeren wirkt antiviral und sekretolytisch. Lindenblüte allein oder kombiniert mit Holunder ist reizlindernd, auswurffördernd, abwehrsteigernd und antimikrobiell. Blüten und Blätter von Mädesüss (Filipendula ulmaria) als Tee oder direkt verfüttert, wirken schweisstreibend, fiebersenkend und auch schmerzlindernd. Sonnenhut (Echinacea purpurea) als Immunstimulans verhindert ein Umsichgreifen der Krankheit im Bestand.
Auch im zweiten, bakteriellen Stadium von Atemwegserkrankungen sind Pflanzen hilfreich; sie können bei Bedarf mit Antibiotika kombiniert werden. Gereizte Schleimhäute verlangen nach besänftigenden Schleimdrogen wie Eibisch, Huflattich, Wilde Malve, Königskerze, Spitzwegerich oder Isländisch Moos. Elisabeth Stöger liess Proben herumgehen, Eibischwurzel (Althea officinalis) erwies sich in der Degustation als besonders reich an Schleimstoffen. Sie wird als Kaltmazerat angesetzt und lässt sich gut über die Tränke verabreichen. Auf gleiche Weise wird die kleinere Verwandte des Eibisch, die Malve (Malva neglecta oder Malva sylvestris) verwendet.
Spitzwegerich enthält neben Schleim auch Gerbstoffe, Kieselsäure und antibiotisch wirkende Substanzen. Er hemmt den Hustenreiz ohne das wichtige Abhusten zu behindern, er ist antibakteriell und fördert die Blutgerinnung – und seine Wirkung setzt rasch ein. Kalt angesetzt ist Spitzwegerich reizlindern, heiss aufgegossen hilft er bei Bronchitis.
Isländisch Moos (Cetraria islandica), eine Flechte, ist reizlindernd, schleimlösend und antibakteriell. Seine Bitterstoffe regen den Appetit an, dadurch eignet es sich besonders bei Rezidiven und für geschwächte und alte Patienten. Isländisch Moos kann problemlos monatelang gegeben werden; in Kärnten war es das traditionelle Winterfutter für Schweine.
Trockener Husten verlangt nach krampfstillenden und schleimlösenden Heilpflanzen. Thymian ist hier an erster Stelle zu nennen. Er erweitert die Bronchien und erleichtert die Atmung, ist antibakteriell und antiviral und lässt sich gut mit anderen Heilkräutern kombinieren.
Schleimverflüssigende Drogen fördern das Abhusten. Dies kann über ätherische Öle geschehen (Thymian, Quendel, Fenchel, Anis, Fichensprossen, Eukalytus und Schwarzkümmel), oder über Saponine (Königskerze, Schlüsselblume, Seifenkraut, Lungenkraut, Süssholz, Bibernelle und Efeu). Im Detail stellte Elisabeth Stöger Anis (Pimpinella anisum) vor. Schon niedrige Dosen regen das Flimmerepithel an und wirken auswurffördernd und antibakteriell. Dazu kommt die verdauungsfördernde Wirkung. Die Anwendung ist einfach: man verfüttert zerstossene Samen oder macht einen Tee.
Nicht nur oral kommen Phytotherapeutika zur Anwendung, Inhalationen sind bei Atemwegserkrankungen eine gute Ergänzung. Die Referentin betonte, dass die Auslöser von Atemwegserkrankungen in der Umgebung der Tiere liegen: Zugluft, Staub, zu hohe und zu tiefe Temperaturen, Ammoniakbelastung, feuchte Einstreu sind Stressoren, die es zu minimieren gilt.

Wie im Osten, so im Westen
Als dritte Referentin stellte die Tierärztin Sabine Vollstedt traditionell-chinesische und europäische Pflanzen für lungenkranke Pferde vor. In unseren Breitengraden leiden zehn bis zwanzig Prozent der adulten Pferde an chronisch-respiratorischen Erkrankungen (COPD). Zur Behandlung geeignete Phytotherapeutika müssen die gereizten Schleimhäute befeuchten, die Entzündung kühlen, die Lungenfunktion unterstützen, vor Infektionen schützen, als Radikalfänger fungieren und Blut bilden. Kaum eine Pflanze weist all diese Eigenschaften auf, deshalb setzt Sabine Vollstedt auf Mischungen. „Bai He Gu Jin Tang“ heisst eine Mischung aus zehn chinesischen Kräutern, die sich in der Behandlung von COPD bewährt hat. Virtuos zeigte die Referentin auf, dass Pflanzen nicht nur nach ihrem Organbezug gewählt werden können, sondern auch nach Temperatur- und Geschmackseigenschaften, wie sie nicht nur in der TCM üblich sind, sondern auch in alten europäischen Kräuterbüchern zu finden sind. Sie verglich Temperatur- und Geschmackseigenschaften westlicher Kräuter mit denjenigen der „Bai He Gu Jin Tang“- Kräuter und stellte jeweils einem TCM-Bestandteil sein westliches Pendant gegenüber. Dies waren Eibischwurzel, Lungenkraut, Hohlzahn, Isländisch Moos, Brunnenkresse, Mariendistelsamen, Andorn, Ysop und Malve. Sabien Vollstedt setzt die TCM-Mischung als Basisbehandlung ein und lässt die Pferde selbst austesten, welche der genannten westlichen Kräuter dazukommen; was die Tiere mögen, wird gegeben. Als weitere Massnahmen zur Behandlung von COPD kommen Inhalationen dazu, mehr Bewegung für das Pferd und ein Hausmacher-Müsli, dessen Rezept sie den Kursteilnehmenden ebenfalls bereitwillig verriet.

Ursula Glauser