Kurs 6, Phytotherapie für Urogenitalprobleme

Die Rötegewächse (Rubiaceen) machten den Auftakt zum veterinärmedizinischen Parallelprogramm. Christian Mayer stellte damit eine der artenreichsten Familien vor, die etliche bekannte und auch weniger bekannte Heilpflanzen enthält. Kaffee, Chinarinde, Ipecacuana und Yohimbe sind tropische Vertreter, Waldmeister und Labkraut einheimische. Als chemische Merkmale treten China-Alkaloide, Iridoide, Mannitol und Anthrachinone hervor. Klettenlabkraut (Galium aparine) gehört zu den alten Heilkräutern, die bereits von den Kelten, den Römern und Griechen eingesetzt wurde. Heute ist es weitgehend vergessen und in keiner Pharmakopöe mehr enthalten. Es wirkt mild diuretisch und antientzündlich bei Cystitis, entstaut das lymphatische System und wirkt dank des Iridoidglykosids Aucubin breit antibakteriell.
Am anderen Ende des Bekanntheitsgrades liegt die Grosse Brennnessel (Urtica dioica), Arzneipflanze des Jahres 1996. Die zweihäusigen Pflanze ist gut untersucht: über 100 Inhaltsstoffe wurden gefunden, wobei sich Blätter, Wurzel und Samen stark unterscheiden. Die Blätter werden zur Durchspülung der entzündeten ableitenden Harnwege eingesetzt. Sie wirken antiphlogistisch, erhöhen den Harnfluss und verringern die Restharnmenge.
Die Echte Goldrute (Solidago virgaurea), eine Vertreterin der Familie der Asteraceen, rundete das Pflanzentrio von Christian Mayer ab. Sie wirkt diuretisch, schwach spasmolytisch, antiphlogistisch und hat auch gewisse antitumoralen Effekte. Eingesetzt wird sie bei entzündlichen Erkrankungen der ableitenden Harnwege und zur Vorbeugung und Behandlung von Harnsteinen und Nierengriess.

Brennnessel ist nicht gleich Brennnessel
Wie Phytotherapeutika passend auf die Bedürfnisse des Patienten abgestimmt werden können, zeigte ein Fallbericht aus der Praxis von Tierarzt Dr. Martin Bühler: Eine ältere herzkranke Zwergspitzhündin wurde wegen Husten und Leistungsschwäche vorgestellt. Die Behandlung war konventionell, erleichterte das Befinden der Hündin ein paar Monate lang. Als ein Diuretikum unerlässlich wurde, suchte Bühler nach einem Phytotherapeutikum: Brennnesselkraut, Goldrute, Birkenblätter oder Ackerschachtelhalm sind klassische Diuretika, jedoch kontraindiziert bei Herz- und Niereninsuffizienz! Brennnesselwurzel hingegen hat diese Einschränkung nicht, wirkt aber ebenfalls diuretisch und kam in diesem Fall zum Einsatz. Die Hündin hatte noch ein paar beschwerdearme Monate bis zu ihrem Tod. Als Fazit der Behandlung zeigte sich, dass Brennnesselwurzel gut bei Herz- und Niereninsuffizienz eingesetzt werden kann.
Eine Rarität stellte Michael Walkenhorst stellvertretend für Fritz Suhner vor: eines der beiden letzten in der Schweiz noch erhältlichen pflanzlichen Tierarzneimitteln! Der Reinigungstrank „Natürlich“ wird in der dritten Generation der Familie Suhner hergestellt und besteht aus getrocknetem und pulverisierten Lindenbast. Er verstärkt die Uteruskontraktion nach dem Kalbern und hilft bei Unträchtigkeit, stetigem Ausfluss, Gebärmutterentzündungen; dies alles ohne Wartefrist, da kein Übertritt in die Milch stattfindet und keine Nebenwirkungen bekannt sind.

Phytotherapie als Alternative zur Endometritisprophylaxe und -therapie
Michael Walkenhorst stellte eines der in seiner Wirkungsweise am besten mit Studien belegten Veterinärphytotherapeutika im deutschsprachigen Raum vor: EucaComp. Überwiegend wird es mit gutem Erfolg in der Therapie der Endometritis beim Rind eingesetzt, findet aber zunehmend auch in die Pferdepraxis Einzug.
Thea Ryhner arbeitet als Tierärztin im Nationalen Pferdezentrum in Bern. Dort werden jährlich etwa 170 Stuten künstlich besamt. Die Tiere reagieren auf die Besamung mit einer physiologischen Entzündung, die normalerweise innert 24 bis 48 Stunden abklingt. Ist die Abwehr gestört, kommt es zu einer Endometritis, die Trächtigkeitsrate sinkt. Die klassische Behandlung besteht in einer prophylaktischen Antibiotikaspülung vier Stunden nach der Besamung. Seit zwei Jahren wird EucaComp anstelle von Antibiotika eingesetzt. EucaComp ist eine Mischung aus Ringelblumen-, Majoran- und Melissentinktur, angereichert mit Eukalyptusöl; es fördert die Selbstreinigung der Reproduktionsorgane, ist antimikrobiell, entzündungshemmend, krampflösend, tonisierend. Die Behandlung mit dem natürlichen Mittel ist schneller, da nur ein Spülvolumen von 90 ml nötig ist (gegenüber 6 Litern bei der Antibiotikaspülung). Sie ist kostengünstiger, vermeidet Resistenzbildung und die Kontamination der Umgebung. Die Trächtigkeitsrate ist bei Antibiotikabehandlung und EucaComp vergleichbar, ebenso die Endometritiserkrankungen, die unter Antibiotika sogar leicht höher ist als mit EucaComp.

Irish Coffee für die entmutigte Kuh
Den Abschluss des veterinärmedizinischen Parallelprogramms machte Michael Walkenhorst; er stellte weitere Arzneipflanzen zur Behandlung des weiblichen Genitals vor. Im Zentrum stand das Rind, denn neben Mastitis sind Erkrankungen des weiblichen Genitals die häufigsten Einsatzbereiche von Antibiotika. Brunstlosigkeit wird traditionell mit einem Energieschub (Gerste, Hafer, Roggen, Kartoffeln) behandelt oder allgemein stärkend mit Brennesseln oder bei Stoffwechselproblemen mit Bockshornkleesamen.
Geburtsunterstützend bei Wehenschwäche ist Kaffee, oft wird er auch mit Schnaps angereichert. Er hilft wehenschwachen Kühen und stimuliert auch mental, wenn das Tier aufgeben will. Ganz anders wirkt Lavendel: er beruhigt verkrampfte und nervöse Gebärende, und er hilft auch beim Anmelken. Wichtig ist, dass reines ätherisches Öl von Lavendula angustifolia verwendet wird. Geburtsverletzungen und Scheidenentzündungen verlangen nach Kamille, Salbei oder Ringelblume. Mutterkorn (ein Getreidepilz) wurde als standardisiertes Arzneimittel zur starken Uterusstimulation verwendet, ist aber als Handelspräparat nicht mehr verfügbar.

Pferdespezialistin Thea Ryhner berichtet von ihren Erfahrungen, die sie in ihrer Zertifikatsarbeit zusammen fassen wird

Michael Walkenhorst und Christian Mayer haben ihre Referate schon hinter sich

Aufmerksame Zuhörer - die Gruppe wächst so wie das Interesse an der Phytotherapie in der Veterinärmedizin