Internationale Tagung „Phytotherapie 2014“ in Winterthur
Parallelsymposium Veterinärmedizin am 20. Juni
(von Ursula Glauser, SMGP-vet)

Diplomübergabe

Wertvolles Wissen für die Nachwelt bewahren
Die Phytotherapie-Tagung in Winterthur war geprägt von Jubiläen und Ehrungen: 25 Jahre SMGP, 65 Jahre Beat Meier und die Verleihung des Fähigkeitsausweises an zwei Tierärztinnen und einen Tierarzt: Cäcilia Brendieck-Worm, Thea Rhyner und Stefan Hoby konnten von Michael Walkenhorst ihren Fähigkeitsausweis unter dem Applaus des Publikums entgegennehmen.
Das veterinämedizinische Parallelsymposium stiess auf grosses Interesse: 60 Teilnehmenden aus fünf Ländern und vier Berufsgruppen waren nach Winterthur gekommen.
Den Auftakt machte Professor Felix Althaus mit einer Betrachtung zu Empirie und Evidenz. Er zeigte anhand der Anästhesie, wie grosse medizinische Entdeckungen dank genauer Beobachtungsgabe und präzis gezogenen Schlüssen zustande kommen. Leider werden neue Erkenntnisse oft abgelehnt, auch wenn eine tadellose Beweiskette vorliegt. Der sogenannte Semmelweis-Effekt, das Ablehnen von Tatsachen, die nicht dem gängigen Denken entsprechen, bremst auch heute noch wissenschaftlichen Fortschritt. Ein Evidenz basierter Denkstil schützt denn auch nicht vor dem Semmelweis-Reflex und behindert im Fall von Phytotherapeutika oftmals deren Zulassung. „Keep the Semmelweis-reflex out“, gab Felix Althaus den Zuhörenden mit auf den Weg.
Eine völlig andere Welt zeigte der Video-Vortrag von Christian Vogl: Die Ethnoveterinärmedizin nimmt sich der Millionen Bäuerinnen und Bauern an, die weltweit ihre Tiere mit Hausmitteln behandeln; sie sammelt und dokumentiert deren kostbares Wissen, bevor es endgültig verschwindet. Wichtig ist die genaue Identität der verwendeten Pflanze festzustellen, aber auch nachzuforschen, woher das Wissen um die Verwendung stammt.

Felix Althaus Sabine Vollstedt

Mäuse behandeln sich nach traditionell chinesischer Medizin
Sabine Vollstedt entführte die Zuhörenden in die Welt der traditionell chinesischen Medizin. Anhand eines Märchens erklärte sie verschiedene Begriffe der TCM, zeigte beispielsweise wie das Kälte-Syndrom und das Hitze-Syndrom zustande kommen und entsprechend mit wärmenden oder kühlenden Pflanzen behandelt werden. Das überlieferte Denken der TCM liess sich in einem interessanten neuzeitlichen Versuch mit Mäusen belegen. Dabei wurden Mäuse durch eiweissreiches Futter „erhitzt“ oder durch Futtermangel und Schwimmen in kaltem Wasser „abgekühlt“. Die erhitzten Mäuse bevorzugten erwartungsgemäss kühlere Temperaturbereiche, bzw. kamen durch das Fressen kühlender Kräuter wieder ins Gleichgewicht. Umgekehrt suchten die Kältemäuse warme Bereiche auf und benötigten wärmende Kräuter zum Ausgleich.

Am Anfang waren die Heilpflanzen
Nicht nur in China gibt es eine medizinische Tradition, sondern auch in Europa. Cäcilia Brendieck-Worm nahm die Teilnehmenden mit in die Vergangenheit und zeigte die Geschichte der Kräuteranwendungen in der Veterinärmedizin auf. Die Trennung zwischen Nahrungs- und Arzneipflanzen ist künstlich und erst neueren Datums. In den Anfängen der Tierheilkunde standen die Pferde im Zentrum des Interesses. Erst im Mittelalter werden erstmals Jagdhunde als veterinärmedizinische Klientel erwähnt. Schön lässt sich auch verfolgen, wie die Phytotherapie langsam aus den Büchern verdrängt wird, je mehr man sich dem 20. Jahrhundert nähert. Toxizitätsstudien mit isolierten hoch dosiert verabreichten Wirkstoffen und in Langzeitanwendung bedeutet das Aus für Heilpflanzen, die sich Jahrhunderte lang bewährt haben. Als Beispiel erwähnte Brendieck-Worm den Kalmus. Die nachfolgende Diskussion ging unter anderem auf die heutigen artenarmen Wiesen ein, die Weidetiere ernähren sollten, aber arm an wichtigen sekundären Pflanzenstoffen sind, aber auch auf die Gesetzgebung, die in der Schweiz zum Teil bereits unverarbeitete Pflanzen als Arzneimittel betrachtet.

Cäcilia Brendieck-Worm

Retten, was noch zu retten ist
Michael Walkenhorst eröffnete den nachmittäglichen Vortragsreigen mit einer Betrachtung zur ethnoveterinärmedizinischen Forschung in der Schweiz. Noch ist Wissen bei den Bäuerinnen und Bauern da, doch es droht verlorenzugehen. Deshalb beschäftigen sich mehrere Masterarbeiten mit dem Sammeln von Rezepten in verschiedenen Regionen der Schweiz. Es ist nicht einfach, an Adressen von Kräuteranwendern zu kommen; ein Weg führt über die Biobetriebe, ein anderer über Aufrufe in landwirtschaftlichen Zeitungen. Ganz wichtig ist das Snowball-Sampling, bei dem man den Gesprächspartner fragt, ob er andere Anwender von Hausmitteln kennt. Am häufigsten wurden Zubereitungen aus Kamille, Ringelblume, Wallwurz, Kaffee, Brennnessel und der Blacke (Stumpfblättrige Ampfer) eingesetzt. Dabei war die Kamille der absolute Spitzenreiter, die Brennnessel wurde hingegen am vielfältigsten punkto Tierarten verwendet. Achtzig Prozent der Rezepte sind Anwendungen für Rinder und betreffen Erkrankungen von Haut und Hautanhang, des Verdauungstraktes und des Urogenitalsystems. Die Dosierungen der Hausmittel reichten von homöopathischen Dosierungen bis zu Mengen, die deutlich über den Lehrbuchwerten lagen.

Michael Walkenhorst Franziska Klarer

Überlieferte Hausmittel in Buchform
Franziska Klarer erzählte in ihrem Vortrag, wie sie im Kanton Graubünden an bäuerliche Hausmittel herankam und Rezepte sammelte. Diese wurden von Beat Meier und Elisabeth Stöger begutachtet und in empfohlene Hausmittel (225 Rezepte), bedingt empfohlene (53), nicht beurteilbare (17) und nicht empfohlene (51) eingeteilt. Die Rezepte sind in Buchform beim Hauptverlag erschienen: „Jenzerwurz und Chäslichrut“ von Franziska Klarer, Elisabeth Stöger, Beat Meier. Als kleines Appetithäppchen verriet Klarer das Rezept einer optimalen Heilsalbe: Lavendelblüten, Arnikablüten, Wallwurzblätter, Gänseblümchen und blühendes Johanniskraut werden einzeln in Rapsöl während fünf Wochen an der Sonne mazeriert. Pflanzenteile abseihen, von jedem Öl 1 Teil nehmen, Bienenwachs zugeben (10 g auf 10 ml Öl), sanft erwärmen bis das Wachs geschmolzen ist und in einen Salbentopf abfüllen.

Phytotherapeutika für alle Tiere
Stephan Häsler stellte das Manuskript von Professor Steck (1893-1977) vor, der rund 40 Jahre lang Professor für Pharmakologie an der veterinär-medizinischen Fakultät in Bern gewesen war. Seine Vorlesung wurde von einem seiner Studenten mitgeschrieben und ist bis heute erhalten. Darin überwiegen die Heilmittel auf pflanzlicher Basis; sie gehen auf 90 verschiedene Pflanzenarten zurück.
Elisabeth Stöger erläuterte praktische Anwendungen von Gerbstoff- und Schleimstoffdrogen. Gerbstoffe finden sich vor allem in Rinden und Wurzeln. Sie schützen die Pflanzen vor Fäulnis, Feuchtigkeitsverlust und Bakterien. Eichenrinde, Heidelbeeren, Schwarztee und Blutwurz sind typische Gerbstoffdrogen. Innerlich helfen sie bei Durchfall, äusserlich bei entzündlichen Hauterkrankungen. Als typische Schleimdrogen zählte Stöger Isländisch Moos, Malve, Flohsamen, Bockshornkleesamen auf und -aus der Vorlesung von Prof. Steck- Leinsamen, Eibischwurzeln und Gerste. Leinsamen stellte sie näher vor, sie helfen bei Entzündungen des Magen-Darm-Traktes, bei schwarzem und blutigem Durchfall, bei schweren Koliken, äusserlich auch bei Hautentzündungen, Abszessen, Furunkeln und Verbrennungen.
Zum Abschluss der Jubiläumstagung wurden die Poster präsentiert, eine bunte Mischung von Pflanzenanwendungen an verschiedensten Patienten: vom parasitengeplagten Fisch bis zum depressiven Orang-Utan profitierten alle von den Heilkräften der eingesetzten Pflanzen.

Stephan Häsler Elisabeth Stöger