SMGP-vet Kurs 7

Pflanzliche Sedativa und der Einfluss von Arzneipflanzen auf die Psyche
Der moderne Lebensstil macht auch vor den tierischen Begleitern nicht Halt: enger werdender Lebensraum, Lärm und zunehmende Hektik machen ihnen zu schaffen. Nervosität, extreme Ängstlichkeit und andere Verhaltensauffälligkeiten sind immer öfter Grund für einen Besuch beim Tierarzt. Strassentiere, die aus anderen Ländern in die Schweiz gebracht werden, erleben einen eigentlichen Kulturschock und haben oft Mühe, sich umzugewöhnen. Welche Pflanzen den Vierbeinern zu Ruhe und Gelassenheit verhelfen, war Thema des SMGPvet Kurses 7, der mit 19 Teilnehmenden gut besucht war.
Zur Einstimmung stellte Pharmazeut Christian Mayer eine weitere Pflanzenfamilie vor; diesmal standen die Cannabaceae, die Hanfgewächse, im Mittelpunkt des Interesses. Bekannte Vertreter sind Hanf und Hopfen. Das chemische Merkmal der Familie sind Polyphenole und isoprenoide Verbindungen wie Humulon, Lupulon und Cannabidiol. Die reduzierten Blütenhüllen verraten die Windbestäubung. Hopfen (Humulus lupulus) wächst auf der gesamten Nordhalbkugel. Junge Hopfensprosse können wie Spargel gegessen werden, medizinisch genutzt werden die Hopfenzapfen (der ganze weiblichen Blütenstand) oder auch die blossen Harzdrüsen. Inhaltsstoffe sind Hopfensäuren, ätherisches Öl, östrogenwirksames Hopein, Flavonoide, Bitterstoffe, Gerbstoffe. Hopfen hilft bei Unruhe, Angstzuständen und Schlafstörungen.
Baldrian (Valeriana officinalis) stammt aus der Familie der Baldriangewächse (Valerianaceae). Man findet ihn in ganz Europa mit Ausnahme von Portugal und in Nord- und Mittelasien. Verwendet wird die Wurzel, wirksame Inhaltsstoffe sind ätherische Öle und Sesquiterpensäuren. Baldrian wirkt schlaffördernd, sedativ und angstlösend.
Die Passionsblume (Passiflora incarnata) rundete das beruhigende Pflanzentrio von Christian Mayer ab. Passionsblumen sind eine eigene Familie. Mittels Sprossranken halten sie sich fest und klettert bis 6 Meter hoch. Die Blüten sind kompliziert gebaute Schönheiten, in denen man Symbole der Passionsgeschichte zu erkennen glaubte. Medizinisch verwendet wird das blühende Kraut. An Inhaltsstoffen findet man vor allem Flavonoide, daneben auch Zucker, Polysaccharide, Aminosäuren, wenig ätherisches Öl. Passionsblume hilft bei nervösen Unruhezuständen und weist sedative und angstlösende Eigenschaften auf.


Nuancen in der Wirkung sind wichtig
Hopfen, Baldrian, Passionsblume sind drei Pflanzen, die sedativ, angstlösend und schlaffördernd wirken. Und doch unterscheiden sie sich in ihrer Wirkung, zeigte Tierärztin Monika Roggo. Sie riet, die Geschmacks- und Temperaturqualitäten der Kräuter zu berücksichtigen, wie sie in den alten Kräuterbüchern oder in der TCM beschrieben sind. Auch auf Patientenseite manifestieren sich Angst und Unruhe in verschiedener Ausprägung: Unruhe oder Panik kombiniert mit Agitation sind Anzeichen von Hitze, dagegen weist Angst mit Zeichen von Desorientierung auf einen verwirrten Geist hin. Aggression und Anspannung deuten auf eine Stauung hin, Erschöpfung mit nächtlicher Unruhe auf eine Leere. Je nach Situation sind Kräuter angezeigt, die Hitze dämpfen oder den Geist klären, Kräuter, die entspannen oder nähren. So erhält jeder vierbeinige Patient eine massgeschneiderte Kräutertherapie. Neben Hopfen, Baldrian und Passionsblume ging Monika Roggo auf die Wirkungen von Lavendel, Melisse, Kalmus und Gelbwurz ein. Rezepte bewährter Kräuterkombinationen rundete ihren praxisnahen Vortrag ab.
Auch Tierärztin Maya Bräm setzt in ihrer Praxis für Verhaltensmedizin Phytotherapeutika ein. Sie stellte drei Patienten näher vor. Pinky, eine 16jährige Warmblutstute, die in Dressurwettbewerben entweder siegt oder Letzte wird, und allgemein ängstlich, nervös und angespannt ist. Als Ziel der Therapie wurde definiert: Entspannung, Stärkung der Nerven, Anxiolyse und Unterstützung in Stress-Situationen. Für jeden Punkt wurden passende Kräuter bestimmt und zu einer Rezeptur zusammengestellt. Mit Helmkraut (Scutellaria lateriflora) fügte May Bräm der Rezeptur eine etwas weniger bekannte Pflanze zu. Von der Energetik her ist Helmkraut kalt, bitter, trocken und adstringierend; es ist ein Nervinum und Sedativum. Nach vier Wochen war Pinky ruhiger und deutlich weniger schreckhaft.
Milo, ein 10 Jahre alter Australian Shepherd, litt unter einer Geräuschphobie und konnte nicht allein sein; er leckte sich dann wund. Odin, ein etwa 5 bis 6 Jahre alter Setter/Breton Spaniel Mischling, der als Strassenhund in die Schweiz kam, ist draussen extrem angespannt, überaufmerksam, hechelt, hat eine Geräuschphobie und hohe Erregung beim Wild. Kava Kava (Piper methysticum) ist ein stark entspannendes Nervinum, anxiolytisch, antispasmodisch und kognitiv stimulierend. Beide Hunde erhielten Calmex, ein Fertigprodukt auf Kava Kava Basis. Nach einer Woche war Milo bereits merkbar ruhiger. Auch Odin reagierte positiv auf Calmex und konnte seine Trainingsstunde im Wildpark ruhiger absolvieren.