Kurs 8: Phytotherapie bei Erkrankungen des Bewegungsapparates und zur Schmerztherapie

Das veterinärmedizinische Parallelprogramm war mit 24 Teilnehmenden ausgezeichnet besucht. Christian Mayer, Chemiker und Pharmazeut, eröffnete das Vortragsprogramm und führte in die Pflanzensystematik ein. Im Altertum wurden die Pflanzen nach Wuchsformen (Bäume, Sträucher, Kräuter) eingeordnet, im Mittelalter unterteilte sie John Gray in Einkeimblättrige und Zweikeimblättrige, eine Unterteilung, die bis in die heutige Zeit Bestand hat. Linné führte die binäre Nomenklatur mit Gattungs- und Artname ein (z.B. Salix purpurea). Eine für phytotherapeutisch tätige Personen besonders interessante Klassifikation geschieht nach Leitsubstanzen, also nach chemischen Verbindungen, die für eine bestimmte Pflanzenfamilie charakteristisch ist.
Nach diesem Ausflug in die Systematik stellte Christian Mayer zwei schmerz- und entzündungslindernde Heilpflanzen vor: Indischer Weihrauch (Boswellia serrata) und Purpurweide (Salix purpurea). Weihrauch wird in der Ayurvedischen Medizin seit 5000 Jahren eingesetzt. Er wird gewonnen, indem die Rinde des Baumes verletzt wird, worauf eine harzartige Flüssigkeit austritt und an der Luft erstarrt. Wertbestimmender Anteil ist die Boswelliasäure. Indikationen sind entzündliche Erkrankungen wie Polyarthritis, Osteoarthritis, zervikale Spondylosis, Colitis ulcerosa, Morbus crohn, Asthma bronchiale. Neueste Forschungen zeigen eine Hemmung der Proliferation von Krebszellen, weshalb Weihrauch auch bei Hirntumoren eingesetzt wird.
Im Arzneibuch werden vier Weidenarten aufgeführt, darunter die Purpurweide. Verwendet werden die Rinde und junge Zweige; wertbestimmender Anteil sind die Salicylderivate. Weidenrinde wird bei fieberhaften Erkrankungen, rheumatischen Beschwerden und Kopfschmerzen eingesetzt. Wie der Einsatz von Weidenrinde, Weihrauch und Teufelskralle (Harpagophytum procumbens) in der Praxis aussieht, zeigte Tierarzt Martin Bühler anhand von Fallberichten. Weihrauch ist vor allem als Basistherapie bei der Arthrose des Hundes gebräuchlich; im Bedarfsfall kann er bei akuten Schüben mit nicht-steroidalen Entzündunghemmern ergänzt werden. Bei Katzen fehlen klinische Studien, für Grosstiere würde eine Behandlung auf Grund der benötigten Menge zu teuer.
Teufelskralle wird im Humanbereich bei degenerativen Erkrankungen des Bewegungsapparates eingesetzt, ebenso bei Neuralgien, Weichteilrheumatismus und Kopfschmerzen. Klinische Studien mit reiner Teufelskralle bei Hund, Katze und Grosstieren fehlen, die Indikationen sind aus der Humanmedizin abgeleitet. Martin Bühler stellte den Fall der 11jährige Hündin Nala vor, die seit vier Jahren zunehmende Bewegungsunlust zeigte. Unter der Behandlung mit Teufelskralle rannte sie wieder ausgelassen umher, obwohl bei der orthopädischen Untersuchung in den Hüfgelenken und dem Lumbal-Sakral-Bereich noch immer Schmerzen auslösbar waren. Teufelskralle ist gut verträglich, benötigt aber mehrere Tage bis zum Wirkungseintritt. Einige Tage nach dem Absetzen kehren die Schmerzen wieder zurück.
Auch im Fall von Weidenrinde fehlen klinische Daten für Hund, Katze und Grosstiere. In der Humanmedizin wird sie bei chronischen Rückenschmerzen, leichter Arthrose, rheumatischen Schmerzen und zur Fiebersenkung eingesetzt. Bei Katzen ist Vorsicht angebracht wegen der fehlenden Glucoronidierungsfähigkeit, bei Pferden kann auf Grund der kurzen Halbwertszeit von Salicylsäure kein therapeutischer Spiegel erreicht werden.

Yucca, kaum bekannt, aber vielversprechend
Die Pharmazeutin Rita Bubenhofer brachte den Teilnehmenden weitere Pflanzen näher, die bei Verletzungen und Schmerzen im Bewegungsapparat eingesetzt werden können. Anhand detaillierter Arzneipflanzenprofile von Capsicum, Ingwer, Beinwell, Arnica und Teufelskralle zeigte sie auf, welche Pflanze in welcher Situation am besten zur Anwendung kommt. Der Schwerpunkt ihrer Ausführungen lag bei der Anwendung beim Pferd. Als wenig bekannte, aber interessante Pflanze stellte sie Yucca schidigera vor, eine traditionelle Heilpflanze aus Mexiko. Yucca fördert die Verdauung und beugt Koliken vor. Sie enthält unter anderem Saponine, die Protozoen hemmen und die Darmflora normalisieren. Entzündungshemmende Polyphenole verbessern die Beweglichkeit, lindern Schmerzen und bauen Schwellungen ab. Darüber hinaus stimuliert Yucca die Glucosefreisetzung in der Leber und erhöht damit das Energieniveau.

Ob damit Yucca bereits als Dopingmittel gilt, verriet Professor Anton Fürst in seinen Ausführungen. Er ist Chirurg an der Pferdeklinik in Zürich und Mitglied in den Leitungsteams Dressur und Voltige des Schweizerischen Verbandes für Pferdesport. Der Einsatz von Phytotherapeutika im Pferdesport hat seine ganz besonderen Tücken: Was gilt noch als Therapie, wo beginnt Doping? Nicht alle Phytotherapeutika sind im Pferdesport erlaubt, Baldrian beispielsweise gilt als Doping - auch wenn ihn das Pferd auf der Weide gefressen hat. Kava Kava, Taigawurzel und Coffein stehen ebenfalls bei den meisten Verbänden auf der Dopingliste. Wer Sportpferde behandelt, muss sich informieren, denn die Listen werden laufend aktualisiert. Yucca schidigera gilt übrigens bisher nicht als Dopingmittel.