"Phytotherapie regt zum Denken an"


Mit 22 Teilnehmenden war das veterinärmedizinische Parallelprogramms von Kurs 2 wiederum sehr gut besucht. Fünf Referierende zeigten phytotherapeutische Möglichkeiten bei Magen-Darm-Problemen auf und dies bei einer Vielfalt an Tierarten: Vom Pferd und den Kleinwiederkäuern Schaf und Ziege über Hund und Katze bis hin zu Kaninchen kam vieles zur Sprache, was Magen und Darm in Wallung bringt – oder träge macht. Dabei zeigte sich, dass Zivilisationskrankheiten unsere Haustiere längst erreicht haben: Stress, nervöse Besitzer, Industriefutter und Bewegungsmangel sind Faktoren, die sich direkt oder via Psyche indirekt auf die Verdauung der Haustiere auswirken.

Dr. Christian Mayer, Chemiker und Pharmazeut, machte wie immer den Auftakt und brachte den Teilnehmenden die Pflanzenfamilie der Asteraceen botanisch näher. Mariendistel (Silybum marianum) als Vertreterin dieser Familie, dazu Ingwer (Zingiber officinale) und Tormentill (Potentilla erecta) als weitere wichtige Pflanzen für Verdauungsbeschwerden stellte er chemisch und in ihrer Anwendung vor.

Kaninchen sind zwar anfällig auf Verdauungsprobleme, phytotherapeutisch aber besonders gut therapierbar. Die Ursachen der Störungen liegen vor allem in falscher Fütterung, Bewegungsmangel, Stress und Infektionen. Die Biologin Ursula Glauser legte ihr Augenmerk auf alte einheimische Heilpflanzen, und zeigte wie Beifuss (Artemisia vulgaris), Blutweiderich (Lythrum salicaria), Eibisch (Althea officinalis), Dost (Origanum vulgare), Nelkenwurz (Geum urbanum) und Ruprechtskraut (Geranium robertianum) im Kaninchenstall eingesetzt werden können.

Dr. Felix Heckendorn, Biologe am FIBL, stellte neue Forschungsergebnisse zur Endoparasitenkontrolle mit sekundären Pflanzenstoffen bei Ziegen und Schafen vor. Resistenzen gegen neu entwickelte anthelmintische Wirkstoffe treten in immer kürzeren Intervallen auf. Alternative Möglichkeiten der Parasitenkontrolle sind dringend nötig. Versuche mit traditionell gegen Parasiten eingesetzten Pflanzen zeigten uneinheitliche Resultate. Einzig der pakistanische Erdrauch (Fumaria parviflora) überzeugte in seiner Wirkung, ist aber schwierig zu beschaffen. Die einheimische Art Fumaria officinalis erwies sich als wirkungslos. Fütterung mit Esparsette (Onobrychis viciifolia) zeigte hingegen eine signifikante Verringerung der Eiausscheidung und dies bei ausgezeichneter Akzeptanz durch die Schafe und Ziegen. Die französische Bezeichnung „Saint Foin“ für die Pflanze scheint weit mehr als nur ein blosser Name zu sein.

Fallbeispiele aus der Kleintierpraxis standen bei Dr. Alexandra Nadig im Zentrum. Die überzeugte Phytotherapeutin behandelt rund 70% ihrer Fälle mit natürlichen Heilmitteln und konnte so den Teilnehmenden eine Fülle von Anregungen mitgeben, wie Erbrechen, Durchfall oder Verstopfung behandelt werden können. Ihre Ausführungen machten klar, dass es meist nicht damit getan ist, den pelzigen Patienten einfach einen Tee oder Tabletten zu verabreichen. Oft ist eine sorgfältige Darmsanierung nötig, eine Nahrungsumstellung unumgänglich, bisherige Medikamente müssen ausgeschlichen werden. Besonders bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen müssen die Besitzer auf Fertigfutter verzichten und zu den Pfannen greifen. Auf Parasitenprophylaxe und Impfungen wird verzichtet, dafür aber die Psyche des Tieres in die Behandlung mit einbezogen.

Im letzten Referat standen die Pferde im Mittelpunkt. Dr. Beat Wampfler, Tierarzt am Nationalen Pferdezentrum in Bern, schätzt Phytotherapie, weil sie ihn als Arzt fordert: „Phytotherapie regt zum Denken an!“, aber auch wegen des guten Nutzens. Er war mit seinen Vorredner/innen einig: Falsche Tierhaltung, Stress, aber auch Langeweile wirken oft als Auslöser von Verdauungsproblemen. Dabei spielt es keine Rolle, ob das Pferd in der Nachbarboxe als Stressor wirkt oder der nervöse oder energiezehrende Pferdebesitzer. Beifuss (Artemisia spec.), Melisse (Melissa officinalis), Hopfen (Humulus lupulus), Weissdorn (Crataegus spec.) sind stressreduzierende Heilpflanzen, die im Pferdezentrum bei Gastritis zum Einsatz kommen. Magenschützende Leinsamen, Fenchel, Anis und Bockshornklee gehören zur Behandlung dazu. Flohsamen (Plantago ovata) haben sich bei Fohlendurchfall und Kotwasser gut bewährt, wobei bei letzterem die Umgebungsfaktoren wiederum eine grosse Rolle spielen.

Der Kurs zeigte eindrücklich, was Phytotherapie zu leisten vermag und gab den Teilnehmenden eine Vielfalt an praxisnahen Anregungen mit.