Arzneipflanzen zur Therapie und Prophylaxe von Jungtierkrankheiten
Die 30. Jahrestagung für Phytotherapie im Trafo in Baden AG stellte ein Novum dar: Erstmals stand ein ganztägiges veterinärmedizinisches Parallelsymposium auf dem Programm. So stand genügend Zeit zur Verfügung, um das wichtige Thema „Phytotherapie bei Jungtierkrankheiten“ von verschiedenen Seiten zu beleuchten.



Das Thema stiess auf grosses Interesse, wie die rund 70 Teilnehmenden, darunter erstmals auch etliche Studierende, bewiesen. In seiner Eröffnungsrede betonte Dr. Michael Walkenhorst, dass Jungtierkrankheiten zum natürlichen Ausbildungsprogramm junger Säuger gehören, entwickelt sich doch dadurch ihr Immunsystem. Medizinische Behandlung sollen diesen Prozess unterstützen und keinesfalls behindern.

Im Laufe der Tagung zeigte sich, dass bei Nutztieren die Wirtschaftlichkeit im Zentrum steht, oft auch gegen die Bedürfnisse der Jungtiere. Frühe Trennung von der Mutter und abrupte Futterumstellung sind problematisch und münden nicht selten in eine Antibiotikabehandlung. Dass es auch anders möglich ist, zeigten die Referate, welche die Möglichkeiten – und Schwierigkeiten- der Phytotherapie bei Jungtieren beleuchteten.

Prof. Dr. Meike Mevissen von der Universität Bern machte den Auftakt und zeigte, wie sehr sich der neonatale Organismus vom adulten unterscheidet: Das kleinere Gewicht, geringere Fettdepots, grösserer Extrazellularraum, langsamere Metabolisierung und andere pH-Werte wirken sich auf Resorption und Pharmakokinetik von Medikamenten aus und müssen beachtet werden, um eine toxische Überdosierung zu vermeiden. Zu diesem wichtigen Thema gibt es kaum Studien aus der Tiermedizin, aus dem humanen Bereich fehlen sie aus ethischen Gründen komplett; der Erfahrungsaustausch ist daher umso wichtiger.

Hannah Ayrle, Tierärztin und Doktorandin am Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL), durchforstete die Literatur nach Arzneipflanzen, die bei Jungtierkrankheiten eine Alternative zu Antibiotika darstellen könnten. Nach einer ersten systematischen Übersicht blieben 30 Arzneipflanzen, für die sie über eine datenbankgestützte Suche 418 den Auswahlkriterien entsprechende Referenzen fand. Die Mehrzahl der Studien waren aus dem Humanbereich, es fanden sich aber auch ein paar veterinärmedizinische Studien. In einem Vergleich der traditionellen Anwendungen mit den Peer-reviewed Studien listete Hannah Ayrle die jeweils vielversprechendsten Arzneipflanzen für den Gastrointestinaltrakt, den Respirationstrakt und zur Modulation des Immunsystems auf. Ein Hindernis auf dem Weg zu weniger Antibiotika in der Landwirtschaft stellt jedoch die Tierarzneimittelverordnung dar, welche die Anwendung vieler Arzneipflanzen untersagt. Die Diskussion drehte sich denn auch um diesen Punkt und um dessen absurde Auswirkungen: So wächst zwar beispielsweise Löwenzahn überall auf den Wiesen, doch als Arzneipflanze ist er nicht zugelassen.

“Kälber sind wie rohe Eier“
Prof. Dr. Martin Kaske vom Rindergesundheitsdienst der Vetsuisse-Fakultät Zürich redete in seinem Referat Klartext: Tierverluste in der Kälberaufzucht sind nicht Schicksal, sondern gehen oft auf Mängel im Management zurück. Er verglich Kälber mit rohen Eiern, die entsprechend sorgfältig behandelt werden müssen. Ihr Immunsystem ist noch nahezu inkompetent, die Tiere krankheitsanfällig und stresslabil. Schlechtes Stallklima mit hoher Luftfeuchtigkeit, Zugluft, Staub und Schadgase, aber auch Stress, Überbelegung, mangelnde Geburtshygiene und ungenügende Kolostrumversorgung begünstigen Erkrankungen. Sonnenlicht hingegen ist ein ausgezeichnetes, aber oft unterschätztes Desinfektionsmittel, das sogar die gegenüber chemischen Desinfektionsmitteln widerstandsfähigen Cryptosporidium-Oozysten abzutöten vermag.

Wie in der Praxis Kälberkrankheiten phytotherapeutisch angegangen werden können, zeigte Dr. Elisabeth Stöger, Tierärztin im österreichischen Kärnten. Gerbstoffdrogen als Adstringentien und Ätherisch-Öl-Drogen als Spasmolytika und Gärhemmer haben sich bei Jungtier-Durchfall bewährt. Nebenwirkungen sind nicht zu befürchten, allerdings sollten Gerbstoffe nicht länger als zwei Wochen gegeben werden, da sie die Resorption von Nährstoffen beeinträchtigen. Bei Atemwegserkrankungen der Jungtiere sind je nach Krankheitsverlauf schweisstreibende, schleimlösende, bronchienerweiternde, krampflösende und antimikrobielle Pflanzen angezeigt. Die Tierärztin gab bewährte Rezepte mit genauen Dosierungen weiter, verschwieg aber nicht, dass tierärztliche Hilfe oft spät beigezogen werde, und bei fortgeschrittenem Krankheitsverlauf Antibiotika häufig unumgänglich seien.

Keine traditionellen Pflanzenanwendungen für die Schweine
Dr. Niels Grützner, Vetsuisse-Fakultät Bern, gab einen Einblick in die postnatale Entwicklung des Gastrointestinaltraktes bei Ferkeln. Der gefürchtete Ferkeldurchfall ist kein schicksalhaftes Geschehen: adäquates Management beugt Erkrankungen vor. Dabei ist der Trennung der Saugferkel von ihrer Mutter grösste Beachtung zu schenken. In konventionellen Betrieben werden die Ferkel bereits mit vier Wochen, in Biobetrieben im Alter von sechs bis sieben Wochen abgesetzt. Bei untergewichtigen Ferkeln verläuft die Reifung des Gastrointestinaltraktes langsamer, und es kommt zu mehr Problemen beim Absetzen.

Ferkel und Geflügel sind die Nutztiere mit dem grössten Antibiotika-Verbrauch. Dr. Werner Hagmüller, Lehrbeauftragter für Tierhygiene und Leiter der Aussenstelle der HBFLA Raumberg-Gumpenstein A, zeigte die praktischen Schwierigkeiten phytotherapeutischer Behandlungen bei Ferkeln auf. Das beginnt damit, dass traditionelles Wissen um Heilpflanzenanwendungen beim Schwein weitgehend fehlt. Saugferkel nehmen ausser Muttermilch nur sehr wenig Wasser oder Futter auf, was eine phytotherapeutische Behandlung in dieser Phase erschwert. Nach dem Absetzen ist dies einfacher, allerdings verschwindet das Einzeltier in der Gruppe, so dass Gruppenbehandlungen die Regel sind. Am einfachsten ist die Behandlung über das Trinkwasser: Tee aus Gerbstoffdrogen mit Elektrolyten angereichert bei Durchfall, bzw. Brusttee bei Atemwegserkrankungen werden gut angenommen, vor allem, wenn der Tee gesüsst wird. Aufgrund der Rechtslage ist es jedoch immer noch wesentlich einfacher, Antibiotika zu verschreiben als auf pflanzliche Arzneimittel zu setzen. Werner Hagmüller zählte auf, auf welche Weise Phytotherapeutika gefördert werden könnten: durch eine vereinfachte Zulassung für Tierarzneimittel, genaue Anwendungsempfehlungen mit Dosierungen und Schulung an Universitäten und für Praktiker.

Heimtier kontra Nutztier
Bei Heimtieren werden andere Schwerpunkte gesetzt, zeigte das letzte Referat der Tagung, das sich um Hund und Katze drehte. Dr. Cäcilia Brendieck-Worm, Leiterin Phytotherapie der Gesellschaft für Ganzheitliche Tiermedizin betonte, dass man die zwei Themenkreise „Mutter“ und „Kind“ nicht trennen kann; was dem trächtigen Muttertier zugute kommt, hilft auch dem Nachwuchs. Eine Schlüsselrolle spielt dabei die mütterliche Mikroflora, die bei der Geburt, beim Säugen und beim Belecken auf die Jungen übertragen wird. Eine gesunde Mikroflora bildet eine natürliche Barriere gegen Pathogene; so treten Dysbiosen bei Säuglingen vor allem dann auf, wenn die mütterliche Darmflora gestört ist, aber auch bei Kaiserschnitt, bei mutterloser Aufzucht oder frühen Antibiosen. Entzündungen der Mundhöhle oder der Scheide, aber auch Verdauungsstörungen der werdenden Mutter sind deshalb die nötige Aufmerksamkeit zu schenken. Cäcilia Brendieck-Worm gab eine Fülle praktischer Tipps für Hund und Katze weiter. Ist das Muttertier während der Geburt erschöpft, hilft Kaffee – mit der angenehmen Nebenwirkung, dass die danach geborenen Welpen besonders vital sind. Aggressive, hyperaktive und ängstliche Mütter beruhigen sich durch den Geruch ätherischer Öle. Stilltee lässt die Milch reichlich fliessen, ein strapaziertes Gesäuge heilt mit Ringelblumensalbe zügig ab. Auch für schwache Welpen gibt es passende Starthilfe aus der Pflanzenwelt: Rosmarinsöckchen wie man sie aus der Frühchenstation kennt, nützen auch Welpen; sie regen Atemtätigkeit und Kreislauf an. Der liebevolle Umgang, den Heimtiere geniessen und der in diesem Referat durchklang, setzte einen Gegenpunkt zum ökonomischen Denken bei den Nutztieren. Es ist zu hoffen, dass auch Nutztiere in naher Zukunft wieder vermehrt als Lebewesen wahrgenommen und nicht zur blossen Ware degradiert werden.

Publiziert in Schweiz Z Ganzheitsmed 28; DOI: 10.1159/000443865: http://content.karger.com/ProdukteDB/produkte.asp?doi=443865