Arzneipflanzen zwischen Förderung der Gesundheit und Therapie
In die 31. Jahrestagung der SMGP war wiederum ein halbtägiges Parallelprogramm für Veterinäre eingebettet. Das Potential pflanzlicher Futterzusätze ist gross, das Interesse daran steigend.



Der veterinärmedizinische Teil fand am Nachmittag statt; doch ein Amuse-Gueule gab es bereits vor der Mittagspause: Dr. sc. nat. Florian Leiber, Agrarwissen-schafter am FiBL, zeigte die Bedeutung der ungesättigten Fettsäuren für das (Nutz)Tier und - einen Schritt weiter in der Nahrungskette - für den Menschen auf. In seinem kurzweiligen Referat ging er auf das „Alpine Paradoxon“ ein, die Tatsache nämlich, dass die Schweizer viel fetten Käse essen, aber trotzdem sehr alt werden. Ein Grund dafür dürfte im Fettsäuremuster liegen, denn Alpkäse weist ein besonders gutes Fettsäuremuster mit viel Omega-3-Fettsäuren auf; der Industriekäse kann da nicht mithalten. Ernährte man sich mit Alpmilchprodukten statt konventionell produzierten Milchprodukten, entspräche dies dem täglichen Verzehr von 800 g Lachs von der zusätzlichen Menge aufgenommener Omega-3-Fettsäuren her! So könnten die Milchprodukte gealpter Kühe eine gute Alternative zu Fisch darstellen. Übrigens ist die gute Qualität der Alpenmilch nicht der Höhenkur zuzuschreiben, sondern der vielfältigen Kräuter- und Blätternahrung. Omega-3-Fettsäure reiche Milch könnte somit auch im Unterland produziert werden, wenn man auf artenreiche Wiesen setzen und von den Hochleistungsrassen wegkommen würde. Die heutige kraftfutterbetonte Fütterung im Unterland hat - zusammen mit der Züchtung auf immer mehr Leistung - die Milchkühe zu den kränksten Nutztieren gemacht. Die verbreiteten Gesundheitsprobleme des Euters, des Uterus und möglicherweise auch der Klauen dürften mit dieser Fehlernährung und dem dadurch verursachten Mangel an Omega-3-Fettsäuren in Verbindung stehen. Knapp fünf Jahre alt werden Kühe heute im Durchschnitt, obschon sie eigentlich gegen 20 Jahre alt werden könnten.

Doch die Kühe sind nicht die einzigen Tiere, die unter Fehlernährung und Zivilisationskrankheiten leiden. So verglich Dr. med. vet. Sandra Graf-Schiller in ihrem Referat über phytogene Futtermittel für Pferde die Futterration eines Arbeitspferdes vor 50 Jahren mit derjenigen heutiger Hobbypferde: War früher Rauhfutter der bei weitem grösste Teil der Ration, sind es heute getreidelastiges Kraftfutter, Leckerlis und Saftfutter wie Äpfeln und Karotten. Rauhfutter gibt es nur noch in kleinen Mengen, unter anderem auch, damit das Pferd keinen grossen Heubauch entwickelt, sondern eine „sportliche“ Figur behält. Zur falschen Fütterung kommen Bewegungsmangel und Dauerstress durch schlecht gebaute Offenställe dazu, die rangtiefen Tieren zu wenig Ausweichmöglichkeiten bieten. Es kommt zu Verhaltensproblemen, Erkrankungen des Bewegungsapparates und Stoffwechselentgleisungen, dazu auch Atemwegserkrankungen, weil durch den Bewegungsmangel die Lunge zuwenig gut durchlüftet wird. Sekundärstoffreiche Pflanzen können gezielt bei diesen zivilisationsbedingten Gesundheitsstörungen eingesetzt werden, wie die Referentin an mehreren Fallbeispielen zeigte. Und sie konnte die im Referatstitel gestellte Frage „wann brauchen Pflanzenfresser eine Extraportion sekundäre Pflanzenstoffe“ mit einem klaren „immer“ beantworten.

Über die steigende Bedeutung sekundärer Pflanzenstoffe in der Geflügel- und Schweineproduktion referierte Prof. Dr. Caspar Wenk. Nach dem Verbot von Antibiotika zur Leistungsförderung musste nach Ersatzstoffen gesucht werden. Fündig wurde man in der Natur - auch weil die Konsumenten Kräuterzusätzen mehr vertrauen als industriellen Futterzusätzen. Je nach Wirkstoffsschwerpunkt können Pflanzen als Antibiotika, Kokzidiostatika oder Antioxidantien eingesetzt werden. Die Pflanzenzusätze verbessern die Futteraufnahme und –verwertung, stimulieren das Immunsystem, verbessern die Zusammensetzung der Darmflora und hemmen unerwünschte Mikroorganismen. Nötig werden die Zusätze vor allem durch die heutige Tierhaltung, die den Nutztieren grosse Leistungen in kurzer Zeit abverlangt. Dabei gehören frühes Absetzen, dichte Haltung, eintöniges Futter, fehlende Beschäftigungsmöglichkeiten zu den Stressfaktoren, die sich negativ auf die Tiergesundheit auswirken. Die Zusatzstoffe zeigen ihre Wirkung am ausgeprägtesten bei Tieren, denen es nicht so gut geht, sei dies durch ungünstige Haltungsbedingungen, Mykotoxine, Futter mit tiefem Nährstoffgehalt oder schlechter Nährstoffverfügbarkeit. Bei Masthühnern muss der Effekt besonders rasch eintreten, da diesen Tieren nur eine Lebensspanne von 33 Tagen vergönnt ist. Ein Nachteil der Pflanzenzusätze liegt im schwankenden Wirkstoffgehalt, der die Dosierung schwierig macht.

Schwierig ist auch die juristische Position der Pflanzen, machte Dr. Manfred Lützow klar. Im Februar 2016 hob das Bundesverwaltungsgericht die Abgrenzungsliste auf, die häufig verwendete Pflanzen entweder als Arznei- oder als Futterpflanzen einstufte. Diese Pauschalisierung fand das Gericht als nicht zulässig. Thymian beispielsweise ist auf der Weide oder im Heu als Futterpflanze anzusehen, als Tinktur, in Form des ätherischen Öls oder des daraus isolierten Thymols hingegen ist er als Arznei einzuordnen. Als Salbe wird er zum Medizinprodukt, als Puder zum flohvertreibenden Biozid. So hängt es einerseits von der Darreichungsform ab, ob eine Pflanze Futter oder Arznei ist, andererseits aber auch von der Anpreisung der Zubereitung. Werden in der Produktbeschreibung krankheitsvorbeugende oder kurierende Aussagen gemacht, wird das Produkt den Tierarzneimitteln zugerechnet. Unterstützt das Mittel aber laut Produktbeschreibung die gesunde Funktion des Tierorganismus, dürfte es als Futterzusatz durchgehen.

Klar um Futter ging es im Referat von Dr. med. vet. Natalie Dillitzer; sie zeigte die speziellen Futterbedürfnisse des alternden Hundes auf. Dem nachlassenden Bewegungsdrang sollte mit energiereduziertem Futter Rechnung getragen, der Eiweissgehalt nierenschonend, aber muskelerhaltend optimiert werden, eine Überversorgung mit Phosphor ist zu vermeiden. Mit dem wünschenswerten Anteil von 0,6 – 0,8% Phosphor fallen Fertigtrockenfutter fast völlig weg, die Hundebesitzer müssen selber zu den Pfannen greifen. Dem Vitaminbedarf ist dabei die nötige Beachtung zu schenken, ebenso speziellen Anforderungen der vierbeinigen Senioren wie Appetitlosigkeit, Verstopfung, Gelenkbeschwerden, aber auch Herzinsuffizienz, Diabetes, chronische Nieren- und Lebererkrankungen. Die Referentin ging mit praktischen Tipps und Fütterungstabellen auf die vielschichtigen Futterbedürfnisse der Hundesenioren ein.

Dr. med. vet. Ulrike Biegel nahm im abschliessenden Referat das Thema des alternden Hundes auf und setzte den Schwerpunkt auf bereits vorhandene Beschwerden. Gewürze können dabei sanfte Hilfe bringen. Sie regen den Appetit und die Verdauung an und haben spezifische Wirkungen, die bei Altersbeschwerden helfen. So ist Kümmel antibakteriell und gärungswidrig, spasmolytisch, auswurffördernd und hilft bei atonischer Verstopfung, die als Kältezeichen zu werten ist. „Kümmel bringt alles wieder in Fluss“, brachte die Referentin die Wirkung auf den Punkt.

Zimt ist ebenfalls entblähend und verdauungsanregend, dazu erhöht er die Sensibilität der Insulinrezeptoren, was seinen Einsatz bei Diabetes sinnvoll macht. Zimt hat einen ausgeprägten Bezug zum Urogenitalsystem, er ist diuretisch und entzündungshemmend. Eiercognac mit Zimtzugabe wird in einer Arzneimittellehre für Tierärzte aus dem Jahr 1900 als Stärkungsmittel für geschwächte Hunde empfohlen.

Kurkuma ist entzündungshemmend, antioxidativ, aber auch galleanregend und damit verdauungsfördernd. Es verbessert bei Menschen mit rheumatoider Arthritis die Morgensteifigkeit, was auch bei Hunden mit Gelenksproblemen hilfreich sein könnte. Und nicht zuletzt ist Kurkuma eine Unterstützung bei Krebserkrankungen. Für alle drei Gewürze gab die Referentin genaue Dosierungsvorschläge, so dass dem lindernden Griff in den Gewürzschrank nichts mehr im Wege steht.

Die Tagung machte klar, dass Zivilisationskrankheiten längst auch Haus- und Nutztiere erreicht haben. „Fastfood“, Bewegungs- und Beschäftigungsmangel, aber auch unphysiologische Konzentratfuttermittel und die einseitige Züchtung auf Leistung bei Nutztieren setzen der Tiergesundheit zu. Da Haustiere kaum mehr Zugang zu sekundärstoffreichen Kräutern, Blätter und Rinden haben, kommt pflanzlichen Zusätzen in der Tierfütterung eine steigende Bedeutung zu, sei es als allgemeine Stärkungsmittel, aber auch krankheitsvorbeugend und zur Parasitenhemmung.